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Innsbrucker Kammerspiele: Kopftuch-Konflikte im Sitcom-Setting

In Ayad Akhtars „well made“ Komödie „The Who and the What“ steuern religiöse Grundsatz-Fragen auf ein Happy End zu.

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„The Who and the What“ mit Marion Fuhs, Kristoffer Nowak, Jan Schreiber und Yael Hahn (v. l.) hatte am Samstag in den Kammerspielen Premiere.
© TLT/Gufler

Von Joachim Leitner

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Innsbruck – „The Who and the What“ ist, was man anerkennend, wenn auch ein klein wenig gönnerhaft, ein „well made play“ nennt. Es gibt klar konturierte Figuren, Anfang und Ende – und dazwischen arbeitet dramaturgische Feinmechanik. Das Stück ist witzig und schmerzhaft. Der zentrale Konflikt konkret genug für Spannung und anschauliche Eskalationsmomente – und er ist so allgemein, dass er weder am Ort noch an der Zeit der Handlung klebt.

Geschrieben hat das Stück Ayad Akhtar. Der US-Amerikaner zählt zu den großen Gegenwartsdramatikern. Schon sein Debüt „Geächtet“ wurde zum Welterfolg. 2017 stand es am Tiroler Landestheater auf dem Spielplan. Im Jahr darauf war Akhtar beim Forum Alpbach zu Gast. Da war „The Who and the What“, das 2014 uraufgeführt wurde, gerade dabei, auch die Bühnen des deutschen Sprachraums zu erobern. Seit Samstag ist es in einer Inszenierung von Angelika Zacek in den Innsbrucker Kammerspielen zu sehen.

Optisch orientiert sich Zacek mit ihrer Bühnen- und Kostümbildnerin Marion Hauer am uniformen Dekor US-amerikanischer Fernseh-Sitcoms: Küchenzeile und Couch. Von ungefähr kommt diese Setzung nicht. „The Who and the What“ ist eine Komödie. Ihr Witz entwickelt sich auch aus zunächst ganz alltäglichen Situationen. Wenn etwa ein älteres Semester anfängt, seine Kurzmitteilungen mit Smileys aufzuhübschen. So fängt „The Who and the What“ an. Mit einem Vater, der mittels neuer Technik ein altes Vergehen wiedergutmachen will. Er verkuppelt seine Tochter online, mit einem Mann, der seinen Ansprüchen eher entspricht als der, den er einst als Ungläubigen verjagen musste. Der Vater ist gläubiger Muslim, kein Fanatiker, aber konservativ. Auf die Idee, dass auch sein Fakeprofil auf muslimlove.com ein übergriffiger Akt sein könnte, kommt er nicht. Doch das ist nur Vorspiel. Denn im Geheimen wagt seine Tochter Zarina Unerhörtes: Sie schreibt einen Roman über den Propheten – und beschreibt Mohammed darin als Mann, der vom Begehren getrieben ist. Der Vater, er hat sich vom Einwanderer aus Pakistan zum erfolgreichen Unternehmer hochgearbeitet, pfeffert das Manuskript als gotteslästerlichen Porno ins Eck. Die Familie droht daran zu zerbrechen. Aber „The Who and the What“ bleibt auch in der Katastrophe Komödie – und gestattet sich ein bittersüßes Happy End.

Davor allerdings operiert das Stück an den privaten, politischen und intellektuellen Bruchstellen, der vom vermeintlich säkularen Westen immer wieder gern geführten Islam-Debatte samt Kopftuch-Diskussion. Es gibt eine mit den gelernten Überzeugungen ringende kleine Schwester und einen liberalen Konvertiten, der mit dem problematischen Frauenbild des konservativen Islam genauso hadert wie mit der These vom Religionsstifter als Mann „mit widersprüchlichen Gefühlen“. So viel Konfliktstoff muss man erst mal auf die Bühne bringen – ohne sich im Dozieren oder Predigen zu verlieren.

Dem Innsbrucker Ensemble gelingt das ohne viel Schnörkel und durchwegs glaubwürdig. Jan Schreiber hüllt Verletzlichkeit und väterliche Sorge in gutgläubiges Gepolter. Kristoffer Nowak bietet dem alternden Patriarchen als werdender Schwiegersohn schön die Stirn; Yael Hahn taumelt zwischen Übermut und Verzweiflung. Das geht bisweilen etwas auf Kosten der Zwischentöne – aber wohl auch als Privileg ungestümer Jugendlichkeit durch. Emotionales Zentrum und treibende Kraft des Stück ist fraglos Marion Fuhs. Ihre Zarina ist selbstbewusst und zerbrechlich, zornig und dabei ganz kontrolliert. Sie erlaubt sich keine großen Gesten, sondern gestaltet alles, auch und gerade die größte Erschütterung, im Kleinen aus.


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