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Der Streif-Höllenritt im Schneetreiben und die Angst vor dem „Gemetzel"

Eine Schlechtwetterfront könnte den 82. Hahnenkammrennen am Freitag eine Abfahrt in abgespeckter Form bescheren. Das treibt nicht nur den Veranstaltern Sorgenfalten auf die Stirn. Die Athleten erwarten sich im Falle einer verkürzten Streif ein "Gemetzel" um den Sieg. Die neue Traversen-Einfahrt sorgt für Diskussionen.

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Matthias Mayer und Vincent Kriechmayr – zwei heiße Eisen im ÖSV-Feuer.
© GEPA pictures/ Harald Steiner

Kitzbühel – Der gewöhnliche Kitzbühel-Wahnsinn fällt auch 2022 flach, selbst der sonst verrückte Abfahrts-Samstag ist zunächst ein Freitag. Zumindest 1000 ausgewählte Zuschauer werden in durch Corona atmosphärisch abgespecktem Ambiente erwartet, wenn Titelverteidiger Beat Feuz, Aleksander Aamodt Kilde, Dominik Paris oder die ÖSV-Hoffnungsträger Matthias Mayer und Vincent Kriechmayr ab 11.30 Uhr (live TT.com-Ticker) um den Sieg auf der legendären und leicht modifizierten Streif rittern.

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📽️ Video | Lokalaugenschein in Kitzbühel:

Etwa zwei Wochen vor der Olympia-Abfahrt lässt eine aufkommende Schlechtwetterfront die nicht minder prestigeträchtigen Hahnenkamm-Rennen wackeln. Zwar sind die Chancen auf eine der begehrten Pokal-Gämse in der Königsdisziplin verdoppelt, da der von den ÖSV-Stars geliebte Super-G zugunsten einer zweiten Abfahrt am Sonntag weichen musste. Doch die für das Wochenende erwartete Neuschnee-Menge könnte selbst den professionell aufgestellten Kitzbüheler Ski-Club an seine Grenzen bringen. Schon das Abschlusstraining am Donnerstag ging im leichten Schneetreiben auf einer verkürzten Strecke vonstatten.

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"Wenn wir von der Alten Schneise starten, gibt es ein Gemetzel", prognostizierte Kriechmayr. "Dann fehlen die schwersten Passagen, Mausefalle, U-Hakerl, Steilhangausfahrt, dann ist der Favoritenkreis sehr, sehr groß." Der stotternd in die Hahnenkammwoche gestartete Weltmeister wirkte am Donnerstag wesentlich zuversichtlicher und schmierte dem Trainingsschnellsten Christof Innerhofer Honig ums Maul. "Ich weiß, wen ich mir anschauen muss. Nur dich", sagte Kriechmayr im Zielraum zum routinierten Südtiroler.

Wenn wir von der Alten Schneise starten, gibt es ein Gemetzel. Dann fehlen die schwersten Passagen, Mausefalle, U-Hakerl, Steilhangausfahrt, dann ist der Favoritenkreis sehr, sehr groß.
Vincent Kriechmayr, ÖSV-Abfahrts-Ass

Innerhofer spielte den Ball umgehend retour: "Auf den Vinc ist extra aufzupassen. Er fährt im Training immer extra langsam und im Rennen ist er da." Gewinnt der Lauberhorn-Sieger tatsächlich auch in Kitzbühel, wäre er der erste Athlet seit Didier Defago 2009, dem dieses Husarenstück gelingt.

Sieganwärter bei der 82. Auflage gibt es auch unter Normalbedingungen einige. Ein Saisondominator hat sich bei sechs Abfahrten mit fünf verschiedenen Siegern nicht herauskristallisiert. Nur Kilde gewann zweimal, landete ansonsten aber nicht auf dem Podest. Bei Kaiserwetter am Mittwoch war er noch der Schnellste, bei komplett anderen Bedingungen am Tag darauf nur 39. Im "Heimrennen" war der in Innsbruck lebende Norweger noch nie besser als Sechster (2016). "Ein Streif-Sieg gehört zu den größten Erfolgen, die man feiern kann", sagte der im Vorjahr verletzt Fehlende. Einen Olympiasieg würde er aber laut Eigenaussage heuer noch lieber bejubeln.

Der große Favoritenkreis in Kitzbühel

Mit Ausnahme von Gröden-Gewinner Bryce Bennett (USA) zählen die weiteren Tages-Saisonsieger Kriechmayr, Mayer und Paris auf fast jeder Abfahrt am Globus zu den Topfavoriten. Ihnen und natürlich dem seit fünf Hahnenkamm-Abfahrten immer am Podest stehenden Feuz, dem doppelten Vorjahres-Triumphator, ist auch heuer der Coup zuzutrauen. Feuz hat sich seinen ersten Saisonsieg bisher aufbehalten, sein dritter Kitzbühel-Sieg im erstmöglichen Rennen nach der Geburt seiner zweiten Tochter wäre für den Schweizer eine runde Geschichte.

Dominik Paris geht als vierfacher Streif-Sieger und Abfahrtsweltcup-Führender ins Rennen.
© JOE KLAMAR

Paris geht auf seinen vierten Abfahrts-Triumph in Kitz los, damit würde er Franz Klammer einholen. Fünffacher Streif-Sieger darf sich nur Didier Cuche nennen, sein letzter Streich jährt sich heuer zum zehnten Mal. Der Südtiroler Paris liegt im extrem engen Disziplin-Weltcup - Kriechmayr hat als Fünfter 31 Punkte weniger - voran, die Abfahrtskugel fehlt ihm noch. In Kitzbühel aber denke er an Punktestände nicht, beteuerte Paris.

Die "Eberharter"-Linie, die seit Stephan Eberharters Triumphfahrt 2004 auf der Hausberg-Querfahrt gesucht wurde, kann nicht mehr anvisiert werden. Durch Geländekorrekturen und eine neue Kurssetzung (ein Tor mehr), werden die Läufer dazu gebracht, den Schwung in die Querfahrt runder zu nehmen. Das soll in einer Temporeduktion beim gefährlichen Zielsprung resultieren.

Diskussionen um Traversen-Einfahrt

Die Maßnahme ist nicht nur aus nostalgischen Gründen umstritten, sondern auch weil das Tempo nur marginal abgenommen hat. "Ziel verfehlt", lautete gar der Befund von Paris. "Der Travis (Ganong) hatte gestern 143 auf dem Zielsprung. Ich denke, sie werden sich auf das nächste Jahr noch etwas anderes überlegen müssen."

Für die Traversen-Einfahrt gäbe es nun "nur noch eine Linie, die funktioniert", sagte etwa Romed Baumann stellvertretend für viele andere Läufer. Der für den Deutschen Skiverband fahrende Tiroler wollte sich in die Kurve, die gleich Kriterium-Charakter bekommen hat, noch "reinfuchsen". Für ihn war die Passage früher "selektiver" und mit "mehr Spaß" verbunden.

Nur einen schnellen Weg, "hin zur blauen Linie", sah auch Mayer. Der Zweite und Dritte des Vorjahres spitzt auf sein viertes "Kitz"-Podium in Folge. "Es sind fünf, sechs Athleten in der Abfahrt, die auf einem richtig guten Niveau fahren. Ein Rutscherle irgendwo zu viel und du bist dort nicht mehr dabei", bemerkte der Kärntner, der als Sechster des Donnerstag-Trainings mit Torfehler schnellster Österreicher war. Er sei zuletzt "ein bisschen hinten angestanden", erklärte der 2020-Sieger ohne gemindertes Selbstbewusstsein. "Ich bin gut drauf und weiß, was ich zu tun habe."

Das gilt abschließend auch für den gefährlichen Außenseiter Innerhofer. "Ich fühle mich wohl mit dem Setup, das ich seit Wengen endlich (richtig) eingestellt habe. Ich freue mich aufs Rennen, egal ob Schlechtwetter ist." (APA, TT.com)


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