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Münchner Missbrauchsgutachten: Papst betont Engagement für Opfer

Gutachten zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche hat es schon einige gegeben - doch das Münchner Gutachten vom Donnerstag schlägt ein wie eine Bombe und ist nun auch ein Fall für die Justiz.

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Joseph Ratzinger bei seiner ersten Predigt nach der feierlichen Weihe zum Erzbischof im Jahr 1977.
© dpa/Reeh

München – Der Papst hat am Freitag nach der Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens das Engagement der Kirche zugunsten von Missbrauchsopfer hervorgehoben. Die Kirche habe die "Verpflichtung", den "Opfern von Missbrauch durch ihre Mitglieder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen". Die Staatsanwaltschaft in München untersucht derzeit 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger - u.a. des emeritierten Papstes Benedikt XVI. in seiner Zeit als Münchner Erzbischof.

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"Im Kampf gegen jede Art von Missbrauch verfolgt die Kirche mit fester Entschlossenheit die Verpflichtung, den Opfern von Missbrauch durch ihre Mitglieder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem sie mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge die vorgesehene kanonische Gesetzgebung anwendet", betonte Papst Franziskus bei einer Audienz mit den Mitgliedern der Glaubenskongregation am Freitag im Vatikan.

"Notwendiger Schritt, um den Skandal zu reparieren"

"Vor diesem Hintergrund habe ich vor kurzem die der Glaubenskongregation vorbehaltenen Normen für Straftaten aktualisiert, um das gerichtliche Vorgehen zu straffen. Dies allein kann nicht ausreichen, um das Phänomen einzudämmen, aber es ist ein notwendiger Schritt, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen, den Skandal zu reparieren und den Täter zu bessern", sagte der Papst.

Mit diesen Worten reagierte Franziskus auf das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising, das die katholische Kirche erschüttert. Betroffene erheben schwere Vorwürfe und die Justiz prüft, ob kirchliche Verantwortungsträger sich womöglich strafbar gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft München I untersucht derzeit 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger, bestätigte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der Deutschen Presse-Agentur.

📽️ Video | Andreas Pfeifer zur Causa Benedikt XVI.

Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das aufsehenerregende Urteil im Auftrag des Bistums verfasst hat, habe der Staatsanwaltschaft im August 2021 "41 Fälle zur Verfügung gestellt", sagte Leiding - und einen weiteren Fall im November 2021. "Sie betreffen ausschließlich noch lebende kirchliche Verantwortungsträger und wurden stark anonymisiert übermittelt."

Sollten sich auf dieser Basis "Verdachtsmomente hinsichtlich eines möglicherweise strafrechtlich relevanten Verhaltens der kirchlichen Verantwortungsträger ergeben", würden die entsprechenden Unterlagen bei der Kanzlei angefordert und gegebenenfalls an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergegeben, sagte Leiding. "Welche strafrechtlichen Normen verletzt wurden, ist noch Gegenstand der Prüfung."

Fehlverhalten in mehreren Fällen

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene WSW-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor.

📽️ Video | Pastoraltheologe Zulehner zur Kritik an Benedikt XVI.

Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen. Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

Besonders brisant ist die Rolle Ratzingers. Denn die Gutachter gehen davon aus, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Wahrheit gesagt hat.

"Er hat eindeutig gelogen"

Der renommierte Kirchenrechtler Thomas Schüller wird deutlicher: "Er hat eindeutig gelogen", sagte er am Donnerstagabend im ARD-"Brennpunkt". Benedikt hatte immer wieder betont, an einer Sitzung im Jahr 1980 nicht teilgenommen zu haben, in der beschlossen wurde, dass ein Priester, der im Bistum Essen Buben missbraucht hatte, nach Bayern versetzt werden soll. Ratzinger war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising.

Die Kanzlei WSW legte ein Protokoll vor, wonach Ratzinger - anders als von ihm behauptet - durchaus an der Sitzung teilgenommen hatte. "Der Reputationsschaden für Benedikt ist groß, gerade weil er sich bisher stets als Kämpfer gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche gezeigt hatte", sagte der katholische Theologe Daniel Bogner der dpa.

"Treppenwitz der Geschichte"

Ratzingers Teilnahme an der Sitzung sei belegt, "weil das Protokoll Dinge referiert, die nur er wissen kann aus einem Gespräch mit Papst Johannes Paul II.", betonte Schüller im ARD-"Brennpunkt". Dass es bei diesem Gespräch ausgerechnet um die Entziehung der Lehrerlaubnis für Ratzingers langjährigen liberalen Widersacher, den Theologen Hans Küng, ging, nannte Schüller einen "Treppenwitz der Geschichte".

"Er möchte heute nicht die Wahrheit sehen, sondern er leugnet sie und versucht, alle Verantwortung von sich zu schieben und dadurch brüskiert er die Opfer ein zweites Mal", kritisierte Schüller den emeritierten Papst. Der heutige Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx sei da schon weiter. "Er hat wirklich kapiert jetzt, dass er sich auf die Seite der Opfer zu stellen hat", sagte Schüller. "Ob es zu spät kommt, werden wir sehen."

📽️ Video | Erzbischof Marx bittet um Entschuldigung

Die Betroffene Agnes Wich sieht Marx' Rolle dagegen anders und kritisierte scharf, dass er bei der Vorstellung des Gutachtens nicht anwesend war und später nur eine kurze Stellungnahme abgab. Eine ausführlichere soll in einer Woche folgen.

Theologe Bogner hält nach den Enthüllungen des Gutachtens einen Rücktritt von Marx für angemessen. Es sei vorstellbar, dass der Erzbischof von München und Freising dem Papst als Reaktion auf das Gutachten erneut - wie schon im vergangenen Jahr seinen Rücktritt anbiete, sagte der Professor für Moraltheologie und Ethik an der schweizerischen Universität Freiburg. "Und ich hoffe, er wird eine erneute Ablehnung durch Papst Franziskus diesmal nicht akzeptieren. Dies wäre ein zwar zunächst nur symbolisches, aber sehr starkes Zeichen dafür, dass die bisherigen Strukturen der Kirche so nicht weiter funktionieren."

Verantwortung muss übernommen werden

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck forderte indes konkrete Konsequenzen aus dem Münchner Gutachten zum Missbrauch in der katholischen Kirche. "Wir sehen heute deutlich, dass Verantwortung übernommen werden muss - und Verantwortung ist immer personal", sagte er am Donnerstagabend im ZDF. Dazu gehöre, "dass sich auch der Vatikan, dass sich auch Papst Benedikt dazu verhält".

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller hingegen nahm den emeritierten Papst Benedikt XVI. in Schutz. "Sehen Sie, ich habe es nicht gelesen, aber für mich ist klar, dass er als Erzbischof Ratzinger nicht wissentlich etwas falsch gemacht hat", sagte der frühere Bischof von Regensburg der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" (Freitag). Nach Ansicht des 74-Jährigen werde mehr über Ratzinger als über den Fall des Priesters H. oder andere Priester gesprochen, die Verbrechen begangen haben.

Überrascht ist Müller nach eigenen Worten davon nicht. "In Deutschland, und nicht nur dort, ist man daran interessiert, Joseph Ratzinger zu schaden", erklärte Müller. Ratzinger vertrete sozusagen eine orthodoxe Position, aber in Deutschland gebe es viele, die auf eine abweichende Position drängten, wie die Abschaffung des Zölibats oder Frauenpriesterschaft. Diese progressive Linie sei störend, sagte Müller.

Angesichts der Vorwürfe im Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising zur Zeit Ratzingers ist es laut Müller offensichtlich, dass, wenn es Fehler gab, Ratzinger davon nichts wusste. Damals habe es nicht das Bewusstsein und die Protokolle von heute gegeben. "Niemand wusste, was zu tun war, wie man angemessen reagieren sollte, in der Kirche wie in der Zivilgesellschaft", erklärte der Gründer des 2008 eingerichteten Instituts Papst Benedikt XVI. weiter. (APA/dpa)


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