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Einstürzende Altbauten: Feucht-fröhliche Eskalation am Landestheater

Mit einem Jahr Verspätung erlebt Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Landestheater doch noch seine Premiere. Das Warten hat sich gelohnt.

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Handgreifliche Provokation. Nick (Tom Hospes) rückt Martha (Antje Weiser) dreist auf die Pelle. Marthas verbitterten Gatten George (Jan-Hinnerk Arnke) scheint’s nicht weiter zu bekümmern.
© TLT/Birgit Gufler

Von Markus Schramek

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Innsbruck – Was lange währte, darf nun endlich auch gut werden. Edward Albees tragikomisches Schauspiel „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ hatte am Tiroler Landestheater schon vor einem Jahr die Bühnenreife erlangt, mitten im Lockdown, der sich erst im Mai ein längeres Päuschen gönnte. Die fixfertige Produktion übersiedelte daher in die aktuelle Spielzeit 2021/22. Vorgestern Samstag wurde die Premiere nachgeholt.

Albees Stück aus dem Jahr 1962 war damals in seiner Heimat USA skandalumwittert. Ein paar hingerotzte Kraftausdrücke und die Andeutung sexuellen Handelns reichten dafür schon aus.

Längst rührt wegen so etwas niemand mehr ein Ohrwaschl, hüben wie drüben. Skandale auf der Bühne sind überhaupt selten geworden. Albees Stück gilt mittlerweile auch im deutschsprachigen Theater als Klassiker.

Wir erleben zwei Ehepaare – mit Martha und George ein mittelaltes, mit Nick und seiner bloß „Süße“ gerufenen Frau ein gut 20 Jahre jüngeres – beim verbalen Infight. Gutbürgerliche, äußerlich bestens auf Hochglanz polierte Fassaden gehen dabei zu Bruch. Über Jahre gepflegte Tarnungen und Lebenslügen wanken und fallen, wie Altbauten, die Bekanntschaft mit der Abrissbirne machen.

Die beiden Pärchen sprechen spätnachts bei einer spontanen After-Party im Heim von Martha und George ausgiebig dem Alkohol zu. Die Männer dozieren an derselben Uni, Martha ist Tochter des Rektors. Sehr akademisch gerät der Diskurs aber nicht, denn so ein betrunkener Mund tut bekanntlich gerne einmal die Wahrheit kund: Verbitterung und Frust, unbewältigte Traumata, zerplatzte Karriereträume und gescheiterte Familienplanung werden ruchbar. Jeder der beständig zum Glas greifenden Schluckspechte hat sein Kreuz zu tragen.

George und Martha beherrschen den Nahkampf aus dem Effeff. Zwischen ihnen herrscht verbal der Krieg. Jede Gelegenheit, das Gegenüber zu erniedrigen, wird sadistisch auf die Spitze getrieben. Es ist ein gut eingespieltes Ritual, die wunden Punkte sind sattsam bekannt. Es wird gebrüllt, geschimpft und provoziert – bis zum Showdown.

Ein derart textlastiges Stück ohne viel Handlung und mit nur vier Personen wäre gefühlsmäßig im kleineren Rahmen besser aufgehoben. Die Theatermacher am Rennweg haben Albee aber nicht in die Kammerspiele platziert, sondern ins Große Haus. Und siehe da: Es funktioniert.

Regisseur Stefan Maurer ließ die von Luis Graninger gestaltete Bühne weit in den Saal hineinrücken, fast bis zu den Fußspitzen der vordersten Besucher. Die so gewonnene Fläche gleicht einer bautenfreien Spielwiese mit viel Platz für manch lebhafte Hatz. Im Boden sind Schlupflöcher eingelassen – ideal für den raschen, reibungslosen Szenenwechsel ganz ohne Kulissenschieberei. Nichts lenkt ab von der geballten Wucht tieffliegender Dialoge und zynischer Verbalinjurien.

Die beiden langjährigen Ensemblemitglieder Antje Weiser als Martha und Jan-Hinnerk Arnke als ihr Gatte und Sparringpartner George fühlen sich spürbar wohl in diesem Setting. Schnell kommen sie ins Spielen. Ihr Ehekrieg wirkt ungekünstelt und bedrohlich lebensnah.

Die jungen Partygäste werden von den alten Hasen für deren böses Spiel benutzt. Christina Constanze Polzer steuert in ihrem Part als „Süße“ die melancholische Begleitmusik am Klavier gleich selbst bei. Feschak Nick (gespielt von Tom Hospes) darf seinen gestählten oberen Body teilentblößen und wird von Martha nach allen Regeln der Verführungskunst zum Toy Boy degradiert.

Ein intensives, auch beklemmendes Sprechstück über pausenlose zwei Stunden ohne Längen. Wahrlich kein Stimmungsaufheller, sondern ein ungeschönter Blick tief hinein in verwundete Seelen. Starker Tobak, entsprechend heftig beklatscht.


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