Entgeltliche Einschaltung

„Jethro Tull“ mit neuem Album: Lebenszeichen eines Rock-Dinos

Nach fast 20 Jahren veröffentlichen „Jethro Tull“ wieder einmal ein neues Studioalbum.

  • Artikel
  • Diskussion
Ian Anderson und Jethro Tull beim Konzert in Imst im Mai 2019.
© Böhm

Von Markus Schramek

Entgeltliche Einschaltung

Innsbruck – Ian Anderson, und da ist er very British indeed, verfügt über die Gabe, sich selbst auf die Schaufel zu nehmen. In einem TT-Interview bezeichnete er sich als „letzten Dinosaurier“ seiner Band. Diese lässt seit 50 Jahren + unter dem seltsamen Namen Jethro Tull (angelehnt an den Namen eines frühen Agrarwissenschafters, kein Witz!) mehr oder weniger konsequent Musik von sich hören. An die 40 Begleitmusiker hat Bandleader Anderson an seiner Seite schon verschlissen. Von der Stammformation ist längst nur noch er, der Dino, übrig.

Anderson, aktuell 74, machte Jethro Tull ab den späten 60er-Jahren des Vorjahrhunderts mit heute Zentimeter dick angestaubten Alben wie „Aqualung“ oder „Songs from the Wood“ zu seiner ureigenen Marke. Er ließ das Gitarrespielen bald bleiben und griff stattdessen, selbst gelehrt, zur Querflöte.

Soundmäßig war das ein genialer Einfall. Denn Flötensoli, die nicht selten auch nervig lang, selbstverliebt und ausufernd ausfallen können, wurden zum Alleinstellungsmerkmal der Band.

Als Sänger ragte Anderson schon deutlich weniger aus dem damals überreichen Angebot an Top-Acts heraus, man denke nur an Größen wie Led Zeppelin, Deep Purple oder Pink Floyd. Und auch das Hitpotenzial von Jethro Tull blieb überschaubar. Einzig das pulsierende „Locomotive Breath“ von 1971 schaffte es als Partykracher herüber ins auch nicht mehr taufrische neue Jahrtausend.

Zwischenzeitlich galten Jethro Tull ein paar Jahre lang als aufgelöst, ehe das Werkl wieder in Gang kam, sich auf Tour begab und dabei 2019 auch in Imst auftrat.

Neue Ware? Lange Zeit Fehlanzeige! Doch seit gestrigem Tage ist endlich ein Opus novum auf dem Markt: „The Zealot Gene“ („Das Eiferer-Gen“) ist das erste neue Album von Jethro Tull seit 2003.

Um es kurz zu machen: Groß überrascht wird niemand sein, der sich die Scheibe reinzieht. Bei „Mrs. Tibbets“, dem Eröffnungs-Track, setzt Andersons Flötenspiel nach wenigen Sekunden ein: Eine Band gibt sich zu erkennen.

Der Sound changiert in der Folge zwischen Country-like („Jacob’s Tales“), gedankenschwer („Where Did Saturday Go?“), Folk-artig („Three Loves, Three“); und der Titelsong „The Zealot Gene“, als Abrechnung mit den Zeichen der Zeit gemeint, wird mit gefälligem Mitsing-Refrain kredenzt. Spielt er nicht gerade Flöte, so kommen dem Band-Dino als Sänger mysteriöse Textzeilen in bestem Oxford-Englisch über die Lippen.

Als kritischer Zuhörer findet man sich in einem Zwiespalt wieder. Das Album ist ein Anachronismus in Reinkultur: Musik, deren Ablaufdatum um Jahrzehnte überschritten scheint. Andererseits ist es beeindruckend, wie sehr Anderson auf Trends und Moden hustet. Und übel klingt das beileibe nicht.

Retro-Rock: Jethro Tull: The Zealot Gene. InsideOutMusic/Sony.


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung