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Gauß' „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“: Scheingeordnete Verhältnisse

Karl Markus Gauß bekommt den Leipziger Preis zur Europäischen Verständigung. Sein neues Buch „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“ erscheint nächste Woche.

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Karl Markus Gauß.
© Böhm

Innsbruck – Karl Markus Gauß ist keiner, der auf einen Zug, der schon Fahrt aufgenommen hat, aufspringt, nur um dann vorne mit dabei zu sein, wenn’s knallt. Gauß tritt lieber einen Schritt zurück, beschreibt das, was er sieht, gleicht es mit dem ab, was er kennt – und kann den Knall schon knallen hören, bevor den Gehetzten im Zug auch nur dämmert, worauf sie zurasen. Das macht vor allem seine Journale, neben ihrer stilistischen und kompositorischen Brillanz, so besonders: Da denkt einer über das Heute und das Gestern nach, setzt sich selbst schreibend dazwischen – und alles ins Verhältnis, meint nicht besserwisserisch, sondern ordnet ein, unerbittlich, phrasenfrei, hochpolitisch und doch zutiefst human durchdacht. Gauß’ Journale – das erste, „Mit mir, ohne mich“, erschien 2002 – sind mehr als essayistisch ausgestaltete Chroniken. Es gibt kein kleingeistiges Verbeißen im vermeintlich Außerordentlichen, sondern den neugierig-forschenden Blick auf scheingeordnete Verhältnisse und die Unordnung darunter. Das, was man über Zeitenlauf und Stand der Dinge wirklich wissen muss, steht in diesen Büchern.

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Anfang kommender Woche erscheint Gauß neuester Journal-Band. Er ist sein siebter, heißt „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“ und ist die unnachahmlich elegante Verdichtung von Tagebüchern, die der Salzburger Autor zwischen seinem 60. Geburtstag im Mai 2014 und dem Halbrunden fünf Jahre später schrieb. Etwas lapidar könnte man sagen, dass Gauß damit sein Alterswerk einläutet, weil er auch übers Älterwerden, Sterben und Verschwinden nachdenkt. Aber bei Gauß verbietet sich das Lapidare schon deshalb, weil es eben keine Nabelschau ist, die er betreibt, sondern Literatur. Er kommentiert das so genannte Weltgeschehen und die davon „entsetzten und vom Entsetzen begeisterten Medien“, findet Weltbewegendes im Kleinen und das Banale im ach so Bedeutsamen. Das, was er erzählt, das Abgründige – politisches Gepolter, Tod und Terror – genauso wie das Heitere fasst Gauß nicht nur eine ganz eigene Form. Er hat auch einen unnachahmlichen Ton: distanziert, aber nie von oben herab, ironisch, aber nie sarkastisch, durchaus gefühlig, aber nie sentimental. Auch in diesem Journal liest man sich fest, nimmt sich vor, nur besonders funkelnde Sätze zu markieren – und färbt ganze Seiten ein.

Mitte März erhält Karl Markus Gauß den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung. Ein besserer Träger für diese mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung lässt sich kaum denken. Seit gestern wissen wir – siehe rechts –, dass das Fest zur Preisverleihung ausfallen muss. Ein Nachholtermin muss gefunden werden. (jole)

Zsolnay, 312 Seiten, 25,70 Euro.

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