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„Mögen sie die Morgenröte noch sehen“: Vor 80 Jahren starb Stefan Zweig

Seine Abscheu vor Kriegsrhetorik zwang ihn zum Schweigen, der Krieg nahm ihm den Überlebensmut.

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Ein Schnappschuss aus glücklicheren Zeiten: Stefan Zweig (1881–1942) Anfang der 1930er-Jahre an der Côte d’Azur.
© APA-Picturedesk/www.picturedesk.com

Von Joachim Leitner

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Innsbruck – Der Bungalow liegt steil am Hang, knapp 800 Meter über See. „Wir sind glücklich übersiedelt“, schreibt Stefan Zweig im September 1941. Er ist mit seiner zweiten Frau Charlotte gerade in Petrópolis angekommen. Zweig schwärmt von der brasilianischen Kaiserstadt. Ein Ort, „so schön wie Ischl im Oktober“, notiert er, „die Koffer werden hier auf langes Niemehrwiedersehen verstaut“.

Fünf Monate später sind Zweig und Lotte tot. In der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 haben sie sich mit einer Überdosis Veronal das Leben genommen. Gerüchte, Hitlers Schergen hätten Zweig getötet, hielten sich lange. Doch der Tod des damals weltberühmten Schriftstellers war ein selbstbestimmter Ausweg nach gut acht Jahren Flucht.

1934 – nach dem niedergeschlagenen sozialdemokratischen Februaraufstand gegen den faschistischen Ständestaat – hatte Zweig Österreich verlassen. Er emigrierte nach London. In Hitlerdeutschland wurden seine Werke verboten. Auch in Österreich konnten sie nach 1938 nicht mehr verlegt werden. Sie erschienen in Schweden – und blieben populär. Nach Kriegsbeginn fürchtet Zweig, trotz seiner britischen Staatsbürgerschaft als „feindlicher Ausländer“ interniert zu werden. Charlotte und er flüchten nach Übersee.

Die Nachricht vom Doppelselbstmord bestürzt weltweit. Thomas Mann spricht von einem „rätselhaften Vorkommnis“, „albern, schwächlich und schimpflich“. Im Vergleich zu vielen anderen Exilanten ging es Zweig wenigstens finanziell gut. Seit den 1920ern zählte er zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren überhaupt. Seine Bücher, die psychologisch tiefen, akribisch recherchierten und elegant formulierten biografischen Studien über Fouché oder Marie Antoinette, Novellen wie „Amok“ oder „Angst“ wurden übersetzt und erfolgreich verfilmt. Trotzdem verzichtete er darauf, sein gewichtiges Wort gegen die zu erheben, die ihn und Millionen andere verfolgten. Das ist Zweig auch vorgeworfen worden. In seinem unbedingten Pazifismus nahm er die Herrschaft des Bösen in Kauf, solange ein Krieg vermieden werde, notiert Thomas Mann noch 1952. Als der Krieg zum Weltkrieg auszuwachsen beginnt, schwindet Zweigs Überlebenskraft, depressive Schübe, die ihn schon in London plagten, mehren sich.

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Produktiv bleibt er zunächst trotzdem: Auf der Terrasse über Petrópolis überarbeitet er „Die Welt von Gestern“ und beendet die „Schachnovelle“. Sie behandeln seine großen Lebensthemen: die körperliche und geistige Vernichtung Europas.

Heute ist die „Casa Zweig“ in Petrópolis ein Museum. Ausgestellt ist dort auch der auf den 22. Februar 1942 datierte Abschiedsbrief des Schriftstellers. Durch Entwurzelung und „die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“, schreibt er – und: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“


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