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Gastkommentar von Autorin Gusel Jachina: „Dies ist nicht mein Krieg“

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Von Gusel Jachina

Ich schreibe diesen Text für meine Freunde, Verleger, Übersetzer und Leser in anderen Ländern. Es fällt mir schwer zu schreiben, denn dazu braucht es klare Gedanken und Nüchternheit, meine Gefühle aber kochen derzeit hoch. Noch schwieriger ist es, nur irgendwie zu fassen, was in Russland und der Ukraine geschieht. Noch viel weniger aber kann man darüber schweigen. Ich werde also versuchen, wenigstens etwas zu sagen.

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Vierzehn Jahre meines Lebens – meine gesamte Kindheit und Jugend – habe ich in der Sowjetunion zugebracht. Zu diesem Zeitpunkt hat die kommunistische Ideologie bereits aus dem letzten Loch gepfiffen. Als Pioniere glaubten wir daran, allerdings halbherzig, nicht ernsthaft. Woran wir aber wirklich glaubten, war der Friede. Die Propagandamaschine, die zu Beginn der Sowjetära in Gang gesetzt worden war, lief noch gut, aber sie brachte weniger eine kommunistische als vielmehr eine pazifistische Rhetorik hervor. „Die UdSSR ist ein Bollwerk des Friedens“, „Frieden für die Welt!“ – war an den Wänden aller Kindergärten und Schulen zu lesen. Mit einer Friedensstunde begann jedes Schuljahr, für jede Klasse. Lieder und Gedichte über den Frieden standen auf dem Programm jeder Pionierveranstaltung (und solche gab es reichlich). Friedenstauben schmückten jedes Klassenzimmer, jede Wandzeitung und jedes Heft. Wir glaubten an diese Tauben – so aufrichtig, wie es nur Kinder können. Der Glaube an den Frieden war ein fester Bestandteil der sowjetischen Kindheit und damit der Persönlichkeit eines jeden von uns. Dieser Glaube schien unverbrüchlich – auf alle Ewigkeit.

Zur Autorin

Gusel Jachina wurde 1977 in Kazan, der Hauptstadt der russischen Republik Tatarstan, geboren und lebt in Moskau. Ihr Roman „Suleika öffnet die Augen“ (Aufbau-Verlag) machte sie im deutschen Sprachraum bekannt. 2020/21 war Jachina „Writer in Residence“ an der Uni Innsbruck. „Dies ist nicht mein Krieg“ wurde von Eva Binder aus dem Russischen übersetzt.

Auch habe ich verstanden, dass der Krieg so schrecklich ist, dass diejenigen, die ihn erlebt haben, darüber schweigen. Mein Großvater hat vier Jahre im Zweiten Weltkrieg gekämpft, aber kein Wort darüber verloren: Er hat seine Kinder und Enkelkinder durch sein Schweigen verschont.

Heute rollen russische Panzer über fremden Boden. Ich kann es kaum glauben. Meine innere Abneigung dagegen ist so tief, dass ich heulen möchte. Es ist unmöglich, Worte zu finden, sie sind alle nicht stark genug. Bitterkeit, Wut, Angst, Ohnmacht – in einem unbegreiflichen Ausmaß. Die Nachrichten vom 24. Februar 2022 haben mich zutiefst erschüttert. Meine Welt ist nicht auf den Kopf gestellt, sie ist zerstört. Ich verstehe nicht, warum die sowjetische Impfung gegen den Krieg nicht wirkt.

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Ich schreibe in meinem Namen, aber alle meine Bekannten und Freunde denken genauso. In meinem näheren und weiteren Umfeld gibt es nicht eine einzige Person, die diesen Krieg unterstützt. Die sozialen Medien sind voller Wut und Flehen, voller Appelle und Forderungen, die Kriegshandlungen einzustellen.

Nun ist die Zeit einfacher Wahrheiten, die endlos wiederholt werden müssen. „Nein zum Krieg“. „Frieden für die Welt“. „Das menschliche Leben ist der höchste Wert“. Wir werden das so lange wiederholen, bis sich dieses Dunkel lichtet. Wir werden die Banalität des Guten bekräftigen, damit wir später nicht mit der Banalität des Bösen konfrontiert werden.

Dies ist nicht mein Krieg. Ich weigere mich, ihn als meinen zu betrachten.


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