Krieg in der Ukraine

Die atomare Bedrohung nimmt zu

Das Raketensystem Iskander-K bei einer Übung in Russland. Die Marschflugkörper können nuklear bestückt werden.
© Russisches Verteidigungsministerium

Kremlchef Putin hat dem Ukraine-Konflikt eine nukleare Dimension gegeben – mit Folgen für die Rüstungsdynamik.

Von Floo Weißmann

Moskau – Russland hat nach eigenen Angaben seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Kremlchef Wladimir Putin begründete den Schritt am Sonntag mit den Sanktionen und „aggressiven Äußerungen“ des Westens. Verteidigungsminister Sergei Schoigu sprach am Montag konkret von den strategischen Raketentruppen, der Nord- und der Pazifik-Flotte sowie den Fernfliegerkräften. Was der Schritt technisch bedeutet, war zunächst nicht ganz klar. Doch unabhängig davon ist das politische Signal in der Welt angekommen.

Allein die Ankündigung sei sehr bedenklich, sagte der Innsbrucker Politologe und Abrüstungsexperte Martin Senn der TT. „Wir stehen nicht mit einem Fuß im Nuklearkrieg“, schränkte er ein, „aber die Krise hat eine nukleare Dimension und das ist besorgniserregend.“

Die NATO reagierte zunächst zurückhaltend. Sie verurteilte Putins Schritt, setzte aber vorerst keine eigenen. „Man wird sehr vorsichtig sein“, erwartet Senn, um die nukleare Dimension nicht noch weiter zu vergrößern.

Der Experte sieht vor allem zwei Gefahren. Erstens könnte es in Osteuropa, wo einander russische und NATO-Truppen gegenüberstehen, zu fatalen Fehlern und Missverständnissen kommen.

Und zweitens stelle sich die Frage: „Was macht Putin, wenn der militärische Erfolg (in der Ukraine) ausbleibt? Wären dann taktische Nuklearwaffen eine Option?“ Taktische Nuklearwaffen sind ein Waffentyp, der für den Einsatz auf dem Gefechtsfeld vorgesehen ist, aber auch diese Waffen haben große Zerstörungskraft.

Doch die Schockwellen von Putins Ankündigung reichen voraussichtlich weit über den aktuellen Ukraine-Konflikt hinaus. Sie können die nukleare Aufrüstungsdynamik, die bereits vor Jahren eingesetzt hat, weiter verstärken. „Alle Nuklearwaffenstaaten befinden sich in Modernisierungsprogrammen“, sagt Senn.

Vor allem bei den taktischen Atomwaffen, die man nach dem Ende des Kalten Kriegs als nicht mehr so relevant erachtet hatte, ist der Westen heute im Hintertreffen. 1900 taktischen Atomwaffen Russlands stehen noch etwa 230 der USA gegenüber, von denen etwa 100 in Europa stationiert sind. Senn erwartet, dass jetzt eine neuerliche Debatte darüber beginnt, eine so genannte Fähigkeitslücke zu schließen.

Darüber hinaus kann das Argument der atomaren Abschreckung in der öffentlichen Debatte wieder stärker verfangen. „Die Frage der Sinnhaftigkeit von Abrüstung wird gestellt werden“, sagt Senn. In Deutschland beispielsweise werde jetzt niemand mehr über das Ende der nuklearen Teilhabe (gemeint ist der Schutz durch US-Atomwaffen) diskutieren.

Dabei zeigt gerade das Ausspielen der atomaren Karte durch Putin, in welcher Gefahr die Welt nach wie vor schwebt. Mit Blick auf Ex-US-Präsident Donald Trump sagt Senn: „Innerhalb von wenigen Jahren muss man zweimal darüber nachdenken, dass eine kleine Gruppe von Menschen über Tausende Atomwaffen verfügen kann.“

Erste Zwischenbilanz des Ukraine-Kriegs aus der Sicht des Abrüstungsexperten: „Ich halte einen Nuklearkrieg heute für wahrscheinlicher als noch vor 14 Tagen. Das Risiko ist immer noch gering, aber es besteht und erhöht sich.“

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