Kino

„The Card Counter“: Erlösung ist eine Erfindung des Teufels

Elegante Anzüge, klinisch coole Sätze: Oscar Isaac als moderner Wilhelm Tell in „The Card Counter“.
© Polyfilm

In Paul Schraders „The Card Counter“ wird ein Kartenspieler von seinen früheren Sünden verfolgt.

Innsbruck – Wenn sich einer Tell nennt, muss er nicht viel sagen. In der Welt des Kartenspiels ist ein Tell etwas Verräterisches: der unabsichtliche Griff ins bemühte Pokerface, der besseren Beobachtern Rückschlüsse auf den nächsten Bluff erlaubt. Aber wenn sich einer aufs Kartenspiel versteht und sich Tell nennt, darf man davon ausgehen, dass ihm kein Tell passieren wird. Und wenn sich vor das Tell auch noch ein William schiebt schon gar nicht. Zugegeben: Man muss schon ein ziemlich selbstbewusster Autor sein, wenn man seine Hauptfigur William Tell nennt.

Aber wem, wenn nicht Paul Schrader, könnte man so viel eindeutige Vieldeutigkeit verzeihen? Schrader ist inzwischen 75 – und eine Legende des New Hollywood, das inzwischen mehr oder weniger würdevoll alt geworden ist. Vor beinahe einem halben Jahrhundert hat er das Drehbuch von „Taxi Driver“ geschrieben, das Martin Scorsese 1975 verfilmte, und „Schwarzer Engel“ (1976) für Brian De Palma. Dunkle Filme über versehrte Männerseelen, die Erlösung suchen – und dabei Öl ins Höllenfeuer gießen. Auch als Regisseur hat Schrader immer wieder von solchen Schmerzensmännern, ihren Süchten und Sehnsüchten erzählt. Und davon, wie manche vor der Verkommenheit der Verhältnisse kapitulieren – und sich andere deshalb als Einzelkämpfer versuchen. In „Ein Mann für gewisse Stunden“ (1980) zum Beispiel oder in „Light Sleeper“ (1992) und zuletzt 2017 in „First Reformed“.

📽️ Video | „The Card Counter“

Und jetzt, in Schraders neuem Film „The Card Counter“, nennt sich einer dieser großen Schweiger eben William Tell. Und er würde die Kommunikation mit der Außenwelt am liebsten ganz einstellen. Tell (Oscar Isaac) war im Gefängnis und hat dort die höhere Kunst des Kartenzählens gelernt. Das tolerieren Spielhöllen nur, solange die Gewinnsummen überschaubar bleiben. Auch deshalb stromert Tell von Casino zu Casino und von Hotelzimmer zu Hotelzimmer. Und weil er von dem, was er getan hat, in Ruhe gelassen will. Im Morgengrauen holen ihn die „erweiterten Verhörtechniken“, die er im Dienst fürs Vaterland einst im Irak anwandte, wieder ein. Und der, der ihm das Foltern damals beibrachte und befahl (Willem Dafoe), steht plötzlich auch wieder da. Und ein junger Mann (Tye Sheridan), der Gerechtigkeit mit Selbstjustiz verwechselt, steckt ihm seine Visitenkarte zu. Tell muss also lernen, was er eigentlich schon weiß: Genugtuung ist mit kleinen Gewinnen nicht zu haben – und die Aussicht auf Erlösung ist eine Erfindung des Teufels.

„The Card Counter“ ist elegant wie die Anzüge, die Oscar Isaac trägt. Und er ist klinisch cool wie die Sätze, die Paul Schrader für ihn geschrieben hat. Er zähle Karten, sagt Tell einmal, weil er wisse, dass dabei die Zeit vergehe. Solche Sätze sind im geschwätzigen Gegenwartskino selten geworden. Auch deshalb ist „The Card Counter“ einer der besten Filme, des – zugegeben noch kurzen – Kinojahres. (jole)

The Card Counter. Ab 16 Jahren. Ab heute in den Kinos.

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