Krieg in Ukraine

Indizien für langfristige russische Pläne in Cherson verdichten sich

In den Städten Charkiw, Mariupol und Cherson herrscht nach russischem Beschuss Zerstörung.
© SERGEY BOBOK

In der von russischen Truppen kontrollierten Stadt Cherson ist offenbar eine größere Propagandaoperation geplant. Zivilisten von der Krim sollen in die Stadt gebracht werden, um eine große Demonstration zu organisieren. Unterdessen ist die humanitäre Lage in der Stadt katastrophal.

Cherson/Kiew/Moskau – Am Freitag mehrten sich die Indizien, dass in der von russischen Truppen kontrollierten Stadt Cherson in der Südostukraine eine größere Propagandaoperation bevorstehen könnte. Wagenkolonnen mit Zivilisten seien in der Nacht auf Freitag von der Krim nach Cherson transportiert worden und es sei womöglich geplant, mit ihnen eine große Demonstration zu organisieren, sagte ein Bewohner der Stadt der APA am Vormittag. Er berichtete auch über eine katastrophale humanitäre Lage.

Diese herangekarrten "Darsteller", bei denen es sich um keine Stadtbewohner handle, könnten etwa den Anschluss der ukrainischen Region Cherson an die Krim verlangen, erklärte der Chersoner. Laut anderen Spekulationen könnte auch die Ausrufung einer "Chersoner Volksrepublik" geplant sein.

Abgesehen davon plane Russland die öffentliche Verteilung von humanitären Gütern, um Bilder zu erzeugen, dass sich die Bewohner der Stadt über die russische "Befreiung" freuten und glücklich seien, ein nazistisches Regime abgeschüttelt zu haben. "Das ist alles eine Propagandaoperation des russischen Geheimdiensts FSB", mutmaßte der Ukrainer.

Karte der Ukraine, Cherson, Mariupol, Melitopol.
© APA Grafik

Medizinische Hilfe fehlt

Freilich gebe es in der Stadt derzeit wirklich große Probleme mit Lebensmitteln und Medikamenten, schilderte der Chersoner. "Menschen sterben in den Kellern, weil es keine medizinische Hilfe gibt", erzählte er.

Sollte es am Freitag oder in den nächsten Tagen zu derartigen Inszenierungen kommen, würden sie der vom russischen Machthaber Wladimir Putin forcierten Darstellung des Angriffskrieges als "Denazifikation" entsprechen. Derartige propagandistische Bemühungen würden gleichzeitig aber auch suggerieren, dass Russland eine langfristige Kontrolle oder Besetzung der konkreten Region plant. Die Oblast Cherson spielt eine strategisch wichtige Rolle für die Bewässerung des 2014 annektierten Halbinsel Krim über den Nord-Krim-Kanal, durch den in den letzten Jahren kein Wasser nach Süden geflossen war.

Die unweit der Dnepr-Mündung gelegene und 1776 gelegene Stadt Cherson ist zudem für Russlands Imperialgeschichte äußerst bedeutsam. Der berühmte Stadtgründer Grigori Potjomkin (1739-1791), bekannt auch als Liebhaber von Zarin Katherina der Großen und als Namensgeber der "Potemkinschen Dörfer", liegt in Cherson begraben. (APA)

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