Kunst

Spontane Treffen mit der Avantgarde im Rupertinum in Wien

Beeindruckende Porträtgalerie: Die Filmemacherin Agnes Varda traf die Salzburgerin Marion Kalter 1977 in Paris im Bett an.
© Kalter/Bildrecht Wien 2022

Mit einer klassischen Fotoschau und einem unkonventionellen Grafik-Oeuvre feiert das Rupertinum Wiedereröffnung.

Von Barbara Unterthurner

Salzburg – Sie hat sie alle getroffen. Die Größen der internationalen Kunst- und Kulturszene haben sich vor ihrer Linse getroffen. Susan Sontag, Joan Mitchell, Meret Oppenheim oder Agnes Varda. Letztere, die berühmte belgische Filmemacherin, hat sie sogar im Bett predigend porträtiert. Marion Kalter war in der Pariser Kunstszene der Siebzigerjahre gut vernetzt. Auch dank der Freundschaft mit Ted Jones, der die 1951 in Salzburg geborene Kalter mit den Persönlichkeiten der Beat-Generation bekannt machte. Das Rupertinum in Salzburg, dieser Tage nach einer längeren Umbau-Pause wiedereröffnet, widmet der Fotografin jetzt eine Ausstellung in Schwarz-Weiß.

Mit „Deep Time“ haben die Kuratorinnen Barbara Herzog und Kerstin Stremmel die Überblicksschau über rund dreißig Jahre des Fotografierens. Die Kalter von Salzburg in die USA und bald nach Frankreich brachten. Dort studierte Kalter, dort lernte sie auch ein Stück weit jene Spontanität kennen, die ihre Fotos ausmachen. Beim ausschweifenden Workshop Fotograf Jean-Pierre Sudres im französischen Arles jedenfalls sind alle Anwesenden nackt.

Nicht gerade schüchtern hatte sich Kalter in dieser Zeit auch in ihren inszenierten Selbstporträts gezeigt. Die Melancholie der frühen Arbeiten ist bei ihren KünstlerInnen-Porträts größtenteils verloren gegangen. Die Nähe zum Porträtierten bleibt.

Im Kapitel „cadavre exquis“ – das sich auf ein Gesellschaftsspiel der Surrealisten bezieht – entsteht so eine ganze Galerie aus wiederentdeckten Begegnungen. Dabei stehen Künstlerinnen und Denkerinnen ihre männlichen Kollegen direkt gegenüber. Den deutschen Pionier Neuer Musik, Karlheinz Stockhausen, etwa lässt Kalter keck über eine Hecke lugen, während sie John Cage mit Kopfhörern über schweres (Musik-)Gerät gebeugt mit der Kamera einfängt.

Zu jeder Zeit bleibt Kalter dabei in Schwarz-Weiß, trotz jeder Nähe elegant distanziert. Nur ein einziges Mal macht die Schau einen kurzen Ausflug in ein farbiges Frankreich. Erst viel später, als Kalter in den Nullerjahren in ihr Elternhaus zurückkehrt und dort Details, alte Lippenstifte oder zerrissene Handschuhe – beides wohl von ihrer früh verstorbenen Mutter – sorgfältig ablichtet, wird Erinnerung farbig. Hier wird eine neue Handschrift deutlich, die letzten zwei Räume hat das Rupertinum Kalter selbst überlassen. Noch einmal wird’s persönlich: In ihrer jüngsten Arbeit, einem Roadtrip mit der Transsibirischen Eisenbahn von 2017 ist Kalter der ihrer eigenen Familiengeschichte der Spur.

Von der sehr klassischen Fotoausstellung zu einer Grafikschau scheint kein weiter Weg. Wäre es nicht Heimo Zobernig, dem das Salzburger Haus in seinem Studienzentrum eine Schau widmet. Farben und Formen flirren, werden auf Plakaten, Publikationen und in schön schrägen Sprachspielen ausgelotet. Eine kleine Schau, in der man sich aber ähnlich verlieren kann wie bei Kalter.

Infos

Museum der Moderne, Rupertinum. Wiener-Philharmoniker-Gasse 9, Salzburg; bis 22. Mai, Di–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr.

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