Krieg in Ukraine

Kiew fordert Feuerpause: Kühlsystem im AKW Tschernobyl nur noch am Not-Strom

Ehemaliger Kontrollraum des Reaktorblock 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl.
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Bei Gefechten wurde eine Stromleitung zwischen Kiew und dem Atomkraftwerk Tschernobyl gekappt. Die Kühlsysteme für abgebrannte Brennelemente hängen nun an Diesel-Not-Generatoren mit einer Kapazität von nur 48 Stunden. Für Österreich besteht keine Gefahr.

Kiew, Moskau – Die Ukraine fordert dringend eine Feuerpause von Russland, um die Stromleitung zum Atomkraftwerk Tschernobyl reparieren zu können. Sollte der Stromausfall anhalten, bestehe die Gefahr eines Austritts von radioaktiver Strahlung, twitterte Außenminister Dmytro Kuleba auf Twitter. Dieselgeneratoren als Reserve hätten eine Kapazität von 48 Stunden, um das AKW mit Strom zu versorgen. Danach würden die Kühlsysteme des Lagers für abgebrannten Brennelemente abgeschaltet.

In der Folge stehe der Austritt von radioaktiver Strahlung unmittelbar bevor. Nach ukrainischen Angaben wurde am Mittwoch um 11.22 Uhr eine Stromleitung zwischen Kiew und Tschernobyl gekappt, was zu einer Notabschaltung der 750-kV-Freileitung Kyivska-UA führte.

Keine Gefahr für Österreich

Für Österreich besteht keine Gefahr. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigte die Möglichkeit einer Freisetzung von radioaktivem Material nicht, berichtete die Strahlenschutzabteilung des Klimaschutzministeriums in Wien. Demnach zeigen die Strahlenfrühwarnsysteme in der Ukraine und in Österreich keine erhöhten Messwerte.

Auch nach den eingangs erwähnten 48 Stunden können die Generatoren weiter mit Diesel betrieben werden, versicherte das Ministerium. "Auch bei einem kompletten Ausfall der Stromversorgung würde es im schlimmsten Fall Tage bis zu einer möglichen Freisetzung radioaktiver Stoffe dauern. In jedem Fall wäre durch eine mögliche radiologische Freisetzung nur die unmittelbare Umgebung in der Ukraine und in Belarus betroffen."

Mitarbeiter seit fast zwei Wochen ohne Schichtwechsel im Dienst

Die IAEA hatte zuvor beklagt, dass das durch die Katastrophe von 1986 bekannte ehemalige AKW zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten sei. Der Behörde zufolge sind 210 Techniker und lokale Sicherheitsmitarbeiter seit fast zwei Wochen ununterbrochen im Dienst, weil es unter russischer Kontrolle keinen Schichtwechsel mehr gegeben habe. Sie hätten zwar Wasser und Nahrung, aber ihre Lage verschlechtere sich immer mehr. Außerdem habe die IAEA keine Verbindung mehr zu ihren Überwachungsgeräten, die sicherstellen, dass alles Nuklearmaterial an seinem Platz ist.

Global 2000 warnte, dass die Lage in den abgeschalteten Reaktoren und dem zerstörten Block 4 in Tschernobyl seit Tagen kritisch sei. Noch besorgniserregender sei die Netztrennung, da der gelagerte Atommüll weiter versorgt und einige Jahre gekühlt werden müsse. "Es ist völlig unklar wie viel des Mülls weiterhin aktive Kühlung braucht", urgierte Global-2000-Atomexperte Reinhard Uhrig.

📽️ Video | Kontakt zu Tschernobyl verloren, AKW unter Kontrolle Russlands

Lage laut Greenpeace "extrem alarmierend"

Greenpeace forderte, dass die Kämpfe in der Ukraine sofort gestoppt werden: "Neben der humanitären Katastrophe droht der Ukraine auch noch eine nukleare Gefahr. Die Lage im ukrainischen AKW-Tschernobyl ist extrem alarmierend", sagte Jan Haverkamp, Atomexperte bei Greenpeace.

In Tschernobyl kam es 1986 zu einem verheerenden Atomunfall. Noch heute werden dort radioaktive Abfälle gelagert. Bisher sind auch ein weiteres AKW und einige andere Einrichtungen mit Beständen von Nuklearmaterial von der russischen Invasion betroffen. Es ist jedoch zu keinem Austritt von radioaktivem Material gekommen. (TT.com, APA/dpa/Reuters)

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Umweltradioaktivität wird in Österreich flächendeckend überwacht

In Österreich wird die Umweltradioaktivität seit 40 Jahren von einem flächendeckenden automatischen Überwachungssystem überwacht. Das Frühwarnsystem verfügt nach Angaben des Umweltministeriums über mehr als 300 Stationen, an denen automatisch und kontinuierlich die äußere Strahlung (Gamma-Ortsdosisleistung ODL) gemessen wird. Zusätzlich sind zehn Luftmonitorstationen in grenznahen Regionen installiert, die die Konzentration von radioaktiven Stoffen in der Luft bestimmen.

Im Normalfall wird von dem System die natürliche Strahlung registriert, der der Mensch ständig ausgesetzt ist. Kommt es aber, zum Beispiel durch einen schweren Unfall in einem ausländischen Kernkraftwerk, zu einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umwelt, so könnte die sich ausbreitende radioaktive Wolke zu einer Erhöhung des Strahlenpegels führen. "Die empfindlichen Messsonden des Strahlenfrühwarnsystems können solche Erhöhungen sofort registrieren und würden einen Alarm für die zuständigen Stellen auslösen", hieß es in der Information. Dies geschah etwa 1986 nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl.

Zwischenstaatliche Vereinbarungen ermöglichen zudem den Online-Datenaustausch zwischen dem österreichischen Strahlenfrühwarnsystem und gleichartigen Messnetzen der Nachbarstaaten. Dadurch könnten im Fall einer Freisetzung von Radioaktivität im Ausland die Auswirkungen auf Österreich frühzeitig abgeschätzt werden.