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Viele Retraumatisierte in Tirol: Erinnerung an verdrängte Gräuel

An der Klinik Innsbruck werden aktuell vermehrt Zeugen früherer Kriege psychologisch betreut.

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Bilder von Zerstörung können zu einer Retraumatisierung führen, sagt Psychotherapeutin Iris Trawöger.
© AFP

Von Benedikt Mair

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Innsbruck – Sie stammen hauptsächlich aus Tschetschenien, Syrien oder Afghanistan. Von dort sind sie nach Österreich geflohen – vor Bomben, Hunger, Tod und Zerstörung. Die Bilder des Krieges in der Ukraine führen dazu, dass diese Menschen die in ihrer Heimat erlebten Gräuel wieder einholen. Vermehrt suchen aktuell Retraumatisierte an der Klinik Innsbruck Hilfe, erzählt Iris Trawöger, die dort als Psychotherapeutin arbeitet. Aber auch auf die Betreuung von ukrainischen Flüchtlingen stellen sich sie und ihre Kollegen ein.

Dass momentan viele Zeugen vergangener Kriege und Konflikte eine psychologische Behandlung brauchen, kommt für Trawöger nicht überraschend. „Als der Krieg in Syrien ausbrach, kamen viele Menschen aus Ex-Jugoslawien zu uns.“ Eine Retraumatisierung bedeute, „emotional wieder in die gleiche Situation versetzt zu werden wie in dem Moment, als das Trauma passierte. Es kommt zu ähnlichen Ausnahmezuständen.“ Ausgelöst werde dies etwa durch „Bilder von Bomben und Feuer“, sagt Trawöger.

Auch Russinnen und Russen schwer belastet

In ihrer Abteilung – Psychotraumatologie und Traumatherapie, angesiedelt an der Universitätsklinik für Psychiatrie II – lasse sich zuletzt jedoch auch ein weiteres Phänomen beobachten. Denn: Auch Russinnen und Russen, die zum Teil bereits seit Jahren in Tirol leben, seien seit Ausbruch des Krieges schwer belastet, sagt Trawöger.

„Sie bilden sich ein, in diesem Konflikt als Mitschuldige gesehen zu werden, und haben Angst davor, dafür verurteilt zu werden. Natürlich verstehen sie auch nicht, warum ihr Heimatland, warum Präsident Putin dieses Leid anrichten.“

„Traumatisierte brauchen Sicherheit"

Nicht zuletzt gehen Trawöger und ihre Kolleginnen und Kollegen davon aus, dass traumatisierte Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sich an sie wenden werden, aber wohl erst in Wochen oder sogar Monaten. Im ersten Moment ist es für sie wichtig, in Sicherheit zu sein. Das ist gegeben, auch durch die enorme Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung, die eine extreme psychische Entlastung bedeutet und beruhigen kann, erklärt die Psychotherapeutin: „Traumatisierte brauchen Sicherheit, die Erfüllung ganz basaler Bedürfnisse wie Essen, Schlaf, jemanden zum Reden.“

Da die Unterstützung der Tirolerinnen und Tiroler immens sei, könne der mentale Schaden womöglich durchaus in Grenzen gehalten werden. „Krieg ist etwas absolut Böses. Die derzeit geleistete Hilfe für die Betroffenen ist ein Gegenpart, etwas Gutes, Verbindendes, Hoffnung-Stiftendes.“

Für den Fall, dass trotz alledem viele geflüchtete Ukrainer eine Therapie oder psychologische Betreuung brauchen, müssen laut Trawöger „die Kapazitäten bei uns von der öffentlichen Hand aufgestockt werden“.


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