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Kugeln durch Zeit und Raum: „Homo Faber" in den Kammerspielen

Regisseurin Grit Lukas zeigt Max Frischs „Homo Faber“ in den Kammerspielen. Und damit die Geschichte des alten weißen Mannes, in der eine Frau zur Protagonistin wird.

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Sabeth (Christina Constanze Polzer) ist das Objekt der Begierde von Walter Faber, der auf zwei Köpfe (Jan-Hinnerk Arnke auf der Treppe und Jan Schreiber, rechts) aufgeteilt ist.
© Gufler

Von Barbara Unterthurner

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Innsbruck – Walter Faber ist ein alter weißer Mannes. Ein technikgetriebener Neoliberaler, er ist sexistisch und rassistisch. Seine Jugendliebe etwa ist für ihn mehr „Henne“ denn Hanna, ein Wesen, das er zwar als Frau und Mutter anerkennt, dennoch aber fragen muss, was sie denn eigentlich arbeite. Ganz anders geht’s ihm zwar bei der jungen Sabeth – ein „guter Kerl“ –, in die sich Faber verliebt. Wäre da nicht das Problem mit der Verwandtschaft.

Noch heute liest man Max Frischs Bericht „Homo Faber“ von 1957 wohl zuallererst in der Schule. Ihn auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung, heute nicht nur ob der Figur Walter Fabers. Vor allem weil im Roman Stationen, Zeitebenen, Erinnerung und faktischer Bericht quasi verschwimmen. In Innsbruck hatte „Homo Faber“ am Samstag Premiere in den Kammerspielen.

Um aufzulösen, was es aufzulösen gilt, folgt Regisseurin Grit Lukas dort der Bühnenfassung von Volkmar Kamm. Diese bedient sich eines wichtigen Kniffs: Der Protagonist wird auf zwei Köpfe aufgeteilt. In den berichtenden Walter (ein bedachter Jan Schreiber) und den erlebenden Faber (ein energischer Jan-Hinnerk Arnke). Grit lässt beide auf der Bühne gleich mehrfach aneinandergeraten. Dialog wird Streitgespräch, wird verwirrtes Faseln. Denn von Faber, der um die Welt cruist und unterentwickelte Länder mit hochentwickelter Turbinen-Technik beglückt, ist am Ende ja nicht mehr viel übrig. Einst war er ein Macher. Einer, der immer Oberwasser hatte. Wenigstens so lange, bis er auf dem Wasser Elisabeth begegnet. Schlagartig wird aus dem „homo faber“ ein leichtfüßiger „homo ludens“ – einer, der Fügung, Schicksal und Mythos jetzt in seine Möglichkeitsrechnung aufnehmen muss. Faber, ein Schockverliebter. Der am Ende aber nur noch schockiert ist. Denn Sabeth könnte seine Tochter sein, von der er bis dato nichts wusste.

Die Wahrheit weiß nur die Mutter, Hanna (Ulrike Lasta), die zunächst lieber schweigt. Am Ende ist sie allein übrig. Und übernimmt in Innsbruck gar die Erzählung. Hier mutiert sie zur eigentlichen Protagonistin. Eine zeitlose Frauenfigur, die ins Heute passt – das wird auch über ihr Äußeres (Kostüm und Bühne: Claudia Weinhart) klar. Im Gegensatz zur spritzigen Sabeth (Akrobatiktalent Christina Constanze Polzer), die im Petticoat und den etwas improvisierten roten Fransen doch tief in den Fünfzigern stecken bleibt.

Homo Faber

Kammerspiele, Innsbruck.

Bis 18. Mai; nächste Vorstellung: Donnerstag, 17. März, 20 Uhr.

Das Äußere steht in diesem Stück ganz zentral. Auch wenn die erzählerischen Hilfsmittel abstrakt sind, liefern Bühne, Licht und Sound (Maren Kessler) jene Struktur, die nötig ist. Vier mobile, karge Boxen reichen auf der Bühne aus. Sie sind Super Constellation, Maschinenraum, Schiffsdeck, Hannas Zuhause und Krankenzimmer in einem. Trotzdem wird es irgendwann knifflig, wenn die Sichtachse auf das Geschehen verstellt bleibt. Hanna geht, Sabeth tanzt – und Walter und Faber verharren. Die Erzählung jedoch franst zwischen oben, unten, ganz unten, hinten und vorn aus. Dafür kommen in dieser atemlosen Irrfahrt so auch kaum Längen auf. Im Gegenteil, das Stück kugelt förmlich durch Zeit und Raum. Mitten hinein in einen vernebelten Fiebertraum.

An einigen Stellen leuchtet glücklicherweise die Gegenwart durch: Sabeth etwa schultert einmal ein Rucksäckchen, auf dem unmissverständlich „Sexistische Kackscheiße“ prangt. Solcher Kommentare hätte man sich, auch weniger explizit, sogar mehr gewünscht.


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