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Blumenkleid und Vorschlaghammer: Selma Selman im Kunstraum

Künstlerin, Romni, Aktivistin: Selma Selman drischt im Kunstraum auf Klassismus und das Patriarchat ein.

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Im Video zur Performance „Mercedes Matrix“ zerlegt Selma Selman ein deutsches Statussymbol.
© Šagolj

Innsbruck – Sie grölt, schreit, fleht: „You have no idea“ – „Du hast keine Ahnung.“ Selma Selman ist auf dem Black Lives Matter Plaza unterwegs, wo sie minutenlang denselben Satz wiederholt. Es ist der 2. November 2020, „Election Day“ in Washington. Die Stimmung ist aufgeheizt. Eine schreiende Frau bleibt da nicht unbemerkt. Selma Selman wird fotografiert, gefilmt, verfolgt, irgendwann steigt ein Mann in ihr Klagelied ein. Und diffamiert sie als Drogensüchtige. „You have no idea“ ist die wohl aufsehenerregendste Performance von Selma Selman. Zu sehen ist sie derzeit im Innsbrucker Kunstraum, der der Künstlerin jetzt die Einzelausstellung „The most dangerous woman in the world“ widmet.

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Neben dem Video zu „You have no idea“ ist dort u. a. eine Performance der 31- Jährigen in Rijeka zu sehen: Im Blumenkleid und mit Vorschlaghammer drischt Selma Selman dort inmitten von PassantInnen auf eine Waschmaschine ein. Gar nicht zimperlich, sondern mit sorgfältiger Präzision.

Im übertragenen Sinn werden hier aber nicht nur Rollenbilder verdroschen, Selma Selman positioniert sich als Künstlerin ganz bewusst im öffentlichen Raum. Das Arbeiten mit Metallschrott ist ebenso kein Zufall. Ihre Familie, ein Teil der Roma-Community, verdient sich den Lebensunterhalt mit dem Zerlegen und Weiterverkauf von ausrangierten Haushaltsgeräten. Der Ausschuss wurde für Selma Selman aber bald zentrales Element ihrer Kunst: Eine Abdeckung einer Waschmaschine ist Untergrund für ein Selbstporträt, ein Autodach Bildfläche für eine Text-Arbeit.

Mit „We are all intellectuals“ etwa schreibt sich die Künstlerin in gesellschaftliche Schichten ein, die ihr als Romni aufgrund von strukturellem Rassismus, Klassismus und patriarchaler Strukturen sonst verwehrt bleiben. Mit einer Selbstverständlichkeit signiert Selma Selman gegenüber einen Löffel. Als politisiertes Readymade. Andernorts erscheint ihr Name nebst Selbstporträt in einer Aufzählung unter Leonardo da Vinci.

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Aufwändiger ist da „Matrix Mercedes“, eine Performance, in der die Künstlerin in Zusammenarbeit mit ihren Brüdern und ihrem Vater ein deutsches Statussymbol schlechthin, einen Mercedes Benz, auseinandernimmt. Selma Selman wirkt darin stets als zentrale Figur. Frau, Romni, Aktivistin.

Mit dieser Ausstellung bleibt Kunstraum-Leiterin Ivana Marjanovic ihrer Ausrichtung auf aktivistische Kunst marginalisierter Gruppen treu. Eine Schau, die zwischen 8. März und 8. April (internationaler Roma-Tag) auch zeitlich gut verortet ist. (bunt)


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