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Herausfordernder Slogan: Österreich als Gastland bei Leipziger Buchmesse

Das Jahr der Österreichischen Literatur hat gestern mit einer Lesenacht in Leipzig begonnen. Es wird im Gastlandauftritt bei der Leipziger Buchmesse 2023 gipfeln – und soll einen sanften Gegenbegriff zum „mia san mia“ etablieren.

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Österreich stellte sich gestern in Leipzig als Buchmessen-Gastland 2023 vor: Kulturstaatssekretärin Andrea Maye­r (Grüne, l.) und die künstlerische Leiterin des Projektes, Katja Gasser.
© APA/dpa/Woitas

Von Joachim Leitner

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Leipzig – Oliver Zille ist dieser Tage sichtlich darum bemüht, Optimismus auszustrahlen. Die Leipziger Buchmesse 2023 wird stattfinden, diktiert er Berichterstattern derzeit gefühlt im Minutentakt in die Aufnahmegeräte. Die heurige Messe – sie hätte gestern beginnen sollen – hat der Messe-Direktor recht kurzfristig absagen müssen. Zum dritten Mal in Folge. Wegen der Unwägbarkeiten der Pandemie. Auf diese Formel hat man sich jedenfalls geeinigt. Drei besonders gewichtige Verlagskonzerne hatten ihre in Aussicht gestellte Messeteilnahme erst vor wenigen Wochen abgesagt. Den Verdacht, dass die besonders Marktmächtigen ihre Macht erproben wollten, konnten offizielle Stellungnahmen der Messeverhinderer bislang nicht ausräumen. Karl-Markus Gauß, der am Mittwochabend den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhielt, sprach in seiner Dankesrede von „Synchronjammern“ – und bekam dafür Szenenapplaus. Auch die Bedeutung des Branchentreffs, der seinen Blick traditionell auch und gerade auf die Literaturen Ost- und Südosteuropas legt, hat Gauß unterstrichen: Es sei ein Verdienst der Messe, „die realen und die imaginären Grenzen, die durch Europa schneiden, in der Literatur aufzuheben“. 2023 dann wieder als echte Buchmesse. Das versichern auch die deutsche Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Von den Großverlagsgruppen erwarten sie ein entsprechendes Bekenntnis. Gespräche darüber soll es noch im März geben.

2023 wird sich Österreich mit seiner Literatur als Gastland der Buchmesse präsentieren. Die Auftaktveranstaltung dafür fand gestern Abend in der Leipziger Schaubühne Lindenfels statt. Die mit „Wildes Österreich“ überschriebene Lange Nacht der Österreichischen Literatur – es lasen, performten und debattierten unter anderem Xaver Bayer, Tanja Maljartschuk, Fiston Mwanza Mujila, Teresa Präauer und Daniel Wisser samt Erstem Wiener Heimorgelorchester – war auch Startschuss für ein breit angelegtes Jahr der heimischen Literatur, das auf den Gastlandauftritt als Höhepunkt zusteuert. Zu Ende gehen soll es im Herbst 2023 bei der Buch Wien. Bei mehr als 100 Veranstaltungen – von einer Tour durch deutsche und Schweizer Literaturorte bis zum Burgtheater-Gastspiel im Schauspiel Leipzig – will sich Österreichs Kulturleben dabei als „offen und divers, progressiv und zukunftsmutig, humorbegabt und zu Selbstkritik fähig“ präsentieren. Auch in Österreich wird es in Kooperation mit den heimischen Literaturhäusern Veranstaltungen geben.

Das Motto für das vom Bund mit zwei Millionen Euro budgetierte Großprojekt ist – auf den ersten Blick jedenfalls – selbstbewusst kryptisch und reich an Vokalfolgen: „meaoiswiamia“ – oder für die deutschen Gastgeber: „mehr als wir“. Die an der spezifisch österreichischen Literaturtradition à la H.C. Artmann orientierte Wortskulptur soll als „sanfter Gegenbegriff zum tief verwurzelten ,mia san mia‘“ bewusst irritieren, sagt Katja Gasser, die das Programm des Gastland-Auftritts als künstlerische Leiterin verantwortet. Man wolle sich als „ein Land, das ein offenes Wir vertritt“, präsentieren. „Das geschlossene Wir hat immer in die Katastrophe geführt“, so Gasser. Eine Porträtreihe mit namhaften AutorInnen – von den Nobelpreisträgern Elfriede Jelinek und Peter Handke bis Barbi Marković, Sabine Gruber und Ursula Poznanski – soll das Projekt in den kommenden Monaten bekannt machen.

Buchmessen-Direktor Oliver Zille erhofft sich vom Gastlandauftritt „einen Booster für die deutsch-österreichische Literatur-Beziehung“. Österreich sei der größte Auslandsmarkt für die deutsche Buchbranche. Aber die vermeintliche Vertrautheit könne auch zur „Falle“ werden. „Weil sie die gleiche Sprache sprechen, glauben wir, dass wir wissen, wie sie denken und wie sie sind. Ich erwarte, dass wir von manchen Stereotypen geheilt werden – und bin für Entdeckungen bereit.“ Die vornehmlich mittelständisch organisierte heimische Branche scheint gewillt zu liefern. Deren Output jedenfalls ist beachtlich, wie Benedikt Föger, Czernin-Verleger und Präsident des Hauptverbandes des Östereichischen Buchhandels, vorrechnet: In Österreich gibt es derzeit rund 350 aktive Verlage, die gut 9000 Neuerscheinungen im Jahr vorlegen.

Eine runde Sache für Tomer Gardi

Der israelische Autor Tomer Gardi wurde für seinen Roman „Eine runde Sache“ gestern mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. „Ein­e runde Sache“ ist im Grazer Literaturverlag Droschl erschienen. „Ein brüllend-komisches Antimärchen“, urteilte die Jury. Auch 2021 wurde mit Iris Hanikas „Echos Kammern“ ein Droschl-Buch in Leipzig prämiert. Neben Gardi waren Dietmar Dath („Gentzen oder: Betrunken aufräumen“), Heike Geißler („Die Woche“), Emine Sevgi Özdama („Ein von Schatten begrenzter Raum“) und Katerina Poladjan („Zukunftsmusik“) nominiert.

Den Sachbuch-Preis gewann Uljana Wolf für ihre Textsammlung „Etymologischer Gossip“. Wolf habe „ein Musterbeispiel an Essayistik“ vorgelegt, befand die Jury, der Insa Wilke, Anne-Dore Krohn, Andreas Platthaus, Miryam Schellbach, Shirin Sojitrawalla, Katharina Teutsch und Moritz Baßler angehörten.

Der Preis für die beste Übersetzung ging an Anne Weber, die Cecile Wajsbrots Text „Nevermore“ aus dem Französischen übertragen hat. Wajsbrot war 2019 „Writer in Residence“ der Uni Innsbruck. Anne Weber gewann für ihr Buch „Annette. Ein Heldinnenepos“ 2020 den Deutschen Buchpreis.

Die Preise der Leipziger Buchmesse sind mit jeweils 15.000 Euro dotiert.


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