Steinbuch im Innsbrucker K2: Gemütlich durch ungemütliche Zustände
Zornig, aber ohne Zug: Gerhild Steinbuchs „Gute Geständnisse besserer Menschen“ wurde im Innsbrucker K2 uraufgeführt.
Von Joachim Leitner
Innsbruck – Gerhild Steinbuchs „Gute Geständnisse besserer Menschen“ bearbeitet althergebrachte Zustände, die in den zurückliegenden Jahren zum drängenden Thema wurden. Es geht um männlichen Machtmissbrauch, Übergriffigkeit und sexualisierte Gewalt, um Sexismus, der sich zur Struktur verfestigt hat – und um die, die daran zu Grunde gehen. Steinbuchs Text ist eine sehr engmaschige Fläche, rhythmisiert, recht streng getaktet und dabei assoziativ organisiert, inhaltlich böse, bisweilen beinahe bösartig, zornig ob der verhandelten Verhältnisse und ob der Vehemenz, mit der besagte Verhältnisse allen Selbstermächtigungsversuchen echter und potenzieller Opfer trotzen, ernüchtert.
Am Freitagabend kam „Gute Geständnisse besserer Menschen“ im K2 des Tiroler Landestheaters zur Urauffühung. Regisseur Peter Lorenz, der zuletzt bei den Telfer Volksschauspielen „Fettes Schwein“ inszenierte, debütiert damit am Landestheater. Auch für Alina Haushammer, eine der drei Darstellerinnen, ist die Produktion das Debüt am Haus. Sie gewann 2017 das Kunderna-Stipendium – und damit ein Gastengagement.
Mit Antje Weiser und Katarina Hauser teilt sich Haushammer den recht sperrigen, fraglos herausfordernden Text. Sie kämpfen mit und bisweilen gegen ihn, spielen verschiedene Register durch, brechen auf, setzen ab, wursteln weiter. Weil Steinbuchs Stück nicht nur anklagen will, sondern auch die Erschöpfung darüber ausstellt, dass Anklagen noch immer Notwendigkeit ist, ist das alles durchaus stimmig.
Zunächst wird eine systemtreu-selbstoptimierte Wochenendwanderidylle im Wald etabliert. Dort und in Trekking-Schuh und Allzweck-Jacke lassen sich gesellschaftliche Hierarchien für einen Augenblick vergessen. Schnell aber wird eine Schneise durchs Holz geschlagen, die auch das Verbrechen freilegt, das stattgefunden hat – und das für die Verbrechen steht, die gerade stattfinden und die, die irgendwann stattgefunden haben werden.
Die Richtung, die der Text vorgibt, ist schnell klar, bis er sich wirklich in Bewegung setzt, zieht es sich aber. Die Wanderung zu den unschönen Wahrheiten gerät immer wieder ins Stocken. Auch szenisch verliert sich immer wieder der Zug. Es gibt – keine Frage – eindrückliche Momente: eine Verhörsituation, die von den forsch vorgetragenen Widersprüchen, von Täter-Opfer-Umkehrversuchen und der Sprachlosigkeit des tatsächlichen Opfers zum Beispiel, fast zerrissen wird, eine im besten Sinne unangenehme Übergriffssimulation. Aber es gibt auch Leerlauf und Spielereien im Symbolischen: Messer und die in der etwas ambitionierten Postdramatischen seit gefühlten Ewigkeiten offensichtlich unverzichtbare Pistole werden gezückt – und als Requisiten allgegenwärtiger Gewalt im Dekor (Bühne und Kostüme: Angela Karpouzi) drapiert. So oder so ähnlich hat man das dann doch schon ein-, zweimal zu oft gesehen. Auch das Ungemütliche lässt sich gemütlich einrichten. Viel an- oder ausrichten kann es dann aber nicht mehr.
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