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Ukrainerinnen nach Ankunft in Innsbruck: Solidarität in Form von Schnitzel

Zwei Deutschlehrerinnen aus der Ostukraine schildern ihre Flucht über Polen ins Ankunftszentrum Haus Marillac in Innsbruck.

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Die beiden aus der Ukraine geflüchteten Lehrerinnen Lukmila (re.) und Tetiana im Ankunftszentrum Haus Marillac.
© EXPA/JOHANN GRODER

Innsbruck, Kiew, Moskau – Lukmila und Tetiana sind in Sicherheit. Die beiden ostukrainischen Deutschlehrerinnen sitzen im Garten des Ankunftszentrum Haus Marillac in Innsbruck, als sie der APA ihre Flucht schildern. Es ist eine Geschichte, die von vielen Begegnungen geprägt ist, von Solidarität und Schmerz. Als die ersten Bomben in ihrer Heimatstadt Charkiw explodiert sind, habe sie zunächst gedacht, es sei ein Feuerwerk, erzählt Lukmila. Doch 25 Tage nach Kriegsbeginn wurde die Lage unerträglich.

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„Wir wollten nicht gehen, aber unsere Männer haben uns dazu überredet, zu fliehen", lässt Tetiana diese schwere Entscheidung Revue passieren. Damals habe sie bis zu 23 Explosionen pro Nacht gezählt. „Überall war Feuer, es war wirklich schrecklich", erinnert sie sich.

In der ostukrainischen Millionenstadt sind seit Beginn der russischen Angriffe nach ukrainischen Angaben fast 1180 mehrgeschoßige Wohnhäuser zerstört worden. Mittlerweile hätten rund 30 Prozent der Charkiwer Bevölkerung ihre Stadt verlassen, gab der dortige Bürgermeister Ihor Terechow am Montag der Agentur Unian bekannt. Charkiw hatte vor Kriegsbeginn rund 1,5 Millionen Einwohner und ist nach Kiew die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Seit der russischen Invasion vor viereinhalb Wochen wird die Stadt aus der Luft und mit Artillerie angegriffen.

„Charkiw war eine wunderschöne, gepflegte Stadt", seufzt Lukmila, "es gab zwei Zoos, viele Parkanlagen und über 30 Hochschulen mit über 200.000 Studierenden". In ihren wachen Augen liegt Wehmut, wenn sie über ihre Stadt und diejenigen, die sie zurücklassen musste, spricht. Mit ihren Männern stünden sie in telefonischem Kontakt, versichern die beiden. Von ihrer Schwester habe sie aber tagelang nichts mehr gehört. Für einen Moment wird sie still, ihr Blick trübt sich. Man ahnt, wie viel die quirlige Frau in den letzten Wochen mitgemacht hat.

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Die Frau meines Sohnes war schwanger. Sie hat auf der viertägigen Flucht ihr Kind verloren.
Lukmila

Mitte März sind die beiden Damen in einen Evakuierungszug nach Polen gestiegen. Sie haben nur das Nötigste in einem Handgepäckskoffer mitgenommen: etwas Kleidung, Laptop, Unterrichtsmaterialien. Es waren vor allem Mütter mit ihren Kindern, schildert Tetiana, die sich dicht an dicht in dem Zug befanden, der ohne Lichter durch die Ukraine brauste und schließlich – nach einem Tag und einer Nacht – in Polen ankam. Nicht alle haben die Flucht gut überstanden. „Die Frau meines Sohnes war schwanger. Sie hat auf der viertägigen Flucht ihr Kind verloren", erzählt Lukmila.

Die beiden Arbeitskolleginnen wollten eigentlich nach Berlin, unterwegs sei ihnen davon aber abgeraten worden. Dann haben sie von einem Bus gehört, der von Warschau direkt nach Innsbruck fährt. Gemeinsam mit 15 anderen Geflüchteten habe sie eine Busfahrerin namens Bettina schließlich dorthin gefahren – auf eigene Kosten. Es sei bereits ihre vierte Fahrt von Warschau nach Innsbruck gewesen. Auch das Schnitzel in einem Gasthaus am Weg habe Bettina für alle Passagiere bezahlt, sagt Tetiana. Ein Lächeln umspielt ihre geschminkten Lippen. Als sie nach 14-stündiger Fahrt Innsbruck erreichten, habe Bettina Tränen in den Augen gehabt, erzählt Tetiana. Sie kramt in ihrer Tasche und zieht eine Visitenkarte hervor. Sie sei dieser Frau unendlich dankbar, sagt sie. Nun hat sie Tränen in den Augen.

Im Haus Marillac fühlen sich die beiden Frauen um die 55 willkommen. Alle tun ihr Bestes. Die Menschen sind so nett, sagt Tetiana und zeigt lächelnd auf ihre Füße, die heute schwarz-glänzende Schlüpfschuhe mit dezentem Krokodilmuster zieren. Sie habe kein zusätzliches Paar Schuhe mitgenommen und in ihrer Größe – 34, sie habe extrem kleine Füße – kein passendes im Spendenzimmer gefunden, erklärt Tetiana schmunzelnd. Als eine Mitarbeiterin das gehört habe, habe sie ihr ein Paar gekauft.

Im Spendenzimmer im dritten Stock stapeln sich neben Hygieneprodukten Babynahrung und Windeln, Bettwäsche und Malutensilien. Draußen am Gang hängen Dutzende gespendete Winterjacken und Mäntel, das eigens eingerichtete Kinderzimmer verfügt über Spielzeug für jedes Alter.

Das ehemalige Hotel fungiert nun als erste Anlaufstelle für Geflüchtete aus der Ukraine. Dort werden sie registriert, zuvor einem Gesundheitscheck und einem Coronatest unterzogen. In der Regel bleiben die Ankommenden nur kurz - im Durchschnitt eine Nacht. Anschließend wird ihnen eine längerfristige Unterkunft in Tirol vermittelt, sollten sie eine benötigen. Im Haus stehen 26 Zimmer mit rund 75 Betten zur Verfügung. - und zahlreiche Feldbetten, um genügend vorübergehende Schlafplätze zu haben, sollten die Zimmerkapazitäten nicht ausreichen.

Im Haus Marillac herrscht an diesem sonnigen Montag reges Treiben. In der Kantine sitzt eine junge Frau über ihr Handy gebeugt am Tisch, eine Mutter erkundigt sich nach dem Weg zu den Duschen. Ein Bub läuft barfuß mit einem Mops an der Leine durch den Garten. „Das ist eine Neuheit, normalerweise herrscht bei uns Haustierverbot", kommentiert TSD-Prokurist Florian Stolz die Szene mit einem Augenzwinkern. Auch die Klienten unterscheiden sich signifikant von vorhergehenden Flüchtlingswellen, meint Stolz. Über 90 Prozent der Ankömmlinge seien Frauen und Kinder, auch seien verhältnismäßig viele Menschen mit Behinderungen und sehr alte Personen darunter. „Logisch", sagt Stolz, „diese Personen schaffen die Flucht übers Mittelmeer oder die Balkanroute nicht".

Im Schnitt täglich 80 Personen im Ankunkftszentrum

25 Einsatzkräfte von der Polizei, dem Roten Kreuz und den Tiroler Sozialen Diensten (TSD) seien im Haus Marillac 24 Stunden im Einsatz, um einen geordneten Ablauf zu gewährleisten und die Menschen aus der Ukraine zu unterstützen. Dazu kämen noch „massenhaft Ehrenamtliche", fügt Stolz hinzu, die oft „wertvolle, zwischenmenschliche Zeichen" setzen – etwa mit den Kindern spielen oder in der Küche helfen.

Bis dato wurden rund 2000 Geflüchtete registriert, weiß Bernd Noggler vom Sonderstab Ukraine des Landes Tirol. Für die polizeiliche Registrierung stehen mit dem Haus Marillac insgesamt sechs Stationen in Tirol bereit. Aktuell kommen im Schnitt 80 Personen täglich im Ankunftszentrum an, tirolweit seien es 90 bis 100. Die Lage könne sich aber jederzeit ändern. „Es ist ein Kaffeesudlesen", kommentiert Noggler. Im Moment werde jedenfalls auch das Hotel Europa in Bahnhofsnähe „adaptiert", um als weiteres Ankunftszentrum zu fungieren. Ein solches ist auch in Kufstein geplant.

Lukmila und Tetiana möchten so bald wie möglich wieder anfangen, ihre Studierenden von Tirol aus online zu unterrichten. Mit vielen sind sie auch nach Kriegsausbruch in Kontakt. Manchen sei es nicht möglich, am Unterricht teilzunehmen, erzählt Lukmila und nennt einen Studierenden als Beispiel, der gerade in einem Keller in Mariupol ausharrt und um sein Leben fürchtet. Dann berichtet sie von einer Studentin, die gerade in Berlin angekommen sei, und nun in Deutschland weiterstudieren möchte: „Das ist eine gute Chance." Sie selbst möchte – wie auch Tetiana – so schnell wie möglich zurück nach Charkiw. Zu ihrem Mann, ihrem Sohn, der in einer Stadt rund 200 Kilometer von Charkiw entfernt wohnt. „Niemand weiß, wann das sein wird", fügt Lukmila hinzu und seufzt. Aber: „Die Ereignisse haben die Nation geeint." (APA)


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