„Matthäus-Passion“ im Innsbrucker Congress: Klarleuchtender Leidens-Klang
Altmeister Philippe Herreweghe und sein Collegium Vocale veredeln Bachs „Matthäus-Passion“.
Innsbruck – Bachs Großwerk durfte aus- und nachklingen. Der Applaus setzte verhalten ein – und wurde zögernd zum Sturm. Alles andere wäre unangemessen gewesen für diese so bemerkenswerte „Matthäus-Passion“, die Philippe Herreweghe mit seinem Collegium Vocale am Donnerstagabend auf die Bühne des Innsbrucker Congresses brachte.
Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der bald 75-jährige Herreweghe mit der Passion. Im Vergleich mit seiner ersten Aufnahme – 1984, damals noch mit René Jacobs unter den Solisten – hat er die Erzählung von Leiden und Sterben Jesu „entdramatisiert“. Weniger die fast schon opernhaft-plakative Drastik der Passionsgeschichte scheint ihn zu interessieren, sondern deren feinste Ausformungen. In bloßem Wohlklang erstarrt die „Matthäus-Passion“ aber nie. Es wird dramatisch. Gemäß Bachs Partitur verteilt Herreweghe die Vokalistinnen und Vokalisten auf zwei, bisweilen in Dialog tretende Chöre mit jeweils zugeordneten Instrumentalgruppen. Die bestechenden, durchwegs doppelt besetzten Solistinnen und Solisten treten daraus hervor. Gemein ist ihnen Plastizität und Klarheit in der Artikulation und klangliche Leuchtkraft. Die covidbedingt kurzfristigen Umbesetzungen, für die Herrenweghe nach der Pause um Nachsicht bittet, merkt man kaum. Reinoud Van Mechelen führt als Evangelist eindrucksvoll durch die Erzählung: lyrisch, aber nie expressiv überspannt. Tobias Berndt ist ein unaufdringlicher, aber ausdrucksstarker Jesus: Er erduldet unerschütterlich.
Philippe Herreweghe nimmt sich als Dirigent zurück. Selbst in den heiklen Passagen setzt er die Impulse sparsam. Einen wilden Fuchtler braucht sein mit illustren Einzelkönnern gespicktes Ensemble nicht. Wie die Solistinnen und Solisten geht hier auch der Dirigent in einer Gruppe, die mehr ist als die Summe ihrer Teile, und in der großen Geschichte, die es zu gestalten gilt, auf. (jole)