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Hermann Nitsch gestorben: Trauer um den Großmeister der Aktionskunst

Der weltberühmte Aktionskünstler Hermann Nitsch ist nach schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren gestorben. Nitsch war einer der bekanntesten Gegenwartskünstler Österreichs.

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Hermann Nitsch auf einem Archivfoto.
© Thomas Böhm

Mistelbach – Der weltberühmte Aktionskünstler Hermann Nitsch ist am Montag im Krankenhaus von Mistelbach nach schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren gestorben. Er habe sich seit Jänner in Spitalsbehandlung befunden und sei am Ende "sehr friedlich" eingeschlafen, so seine Ehefrau Rita Nitsch. Die ersten beiden Tage des im Vorjahr coronabedingt abgesagten 6-Tage-Spiel werden am 30. und 31. Juli dennoch stattfinden. "Das haben wir ihm versprochen."

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Die Kunstwelt verliert mit Hermann Nitsch einen ihrer prominentesten Vertreter. Mit seinen Schüttbildern und archaischen Ritualen unter Verwendung von Tierblut und -kadavern polarisierte er wie nur wenige. Und doch stieg er damit vom Provokateur einer verschlafenen Nachkriegsgesellschaft zum arrivierten Großkünstler mit eigenen Museen und Engagement in Bayreuth auf.

📽️ Video | Aktionskünstler Hermann Nitsch gestorben

Schloss Prinzendorf wird letzte Ruhestätte

Am 29. August 1938 in Wien geboren, besuchte Nitsch die Grafische Lehr- und Versuchsanstalt. Bereits seine ersten Arbeiten zeugten vom Interesse an religiösen Themen, mit denen er sich Zeit seines Lebens beschäftigen sollte. Der Mitbegründer des Wiener Aktionismus entwickelte eine eigenständige Kunstpraxis, das Orgien Mysterien Theater, bei dem er Text, Musik, Malerei und Performance gesamthaft verknüpfte. Höhepunkt war das 1998 auf Schloss Prinzendorf umgesetzte 6-Tage-Spiel. Das Schloss war von ihm 1971 angekauft und restauriert worden und wurde zum wichtigsten Wohn- und Schaffensort des Künstlers, zum Aufführungsort und zur Pilgerstätte seiner Fans.

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Nun wird Prinzendorf auch zur letzten Ruhestätte des Künstlers, denn im Schlossgarten soll Nitsch seinem Wunsch gemäß beigesetzt werden. In der kleinen Schlosskapelle werde zuvor im engsten Familien- und Freundeskreis eine von Pater Friedhelm Mennekes zelebrierte Totenmesse gefeiert werden, so Rita Nitsch zur APA. Im 2007 eröffneten "Hermann Nitsch Museum" in Mistelbach, wo der Maler, Aktionskünstler, Schriftsteller, Bühnenbildner und Komponist in wechselnden Ausstellungen umfassend gewürdigt wird, ist später die Aufführung eines Requiems geplant.

📽️ Video | Peter Schneeberger (ORF Kultur) über Hermann Nitsch

Die wichtigsten Ehrungen des Künstlers

  • 1984: Österreichischer Kunstpreis für bildende Kunst
  • 1988: Preis der Stadt Wien für bildende Kunst
  • 2005: Goldene Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien
  • 2005: Österreichischer Staatspreis für bildende Kunst
  • 2006: Spezialpreis Coppa Damini des 25. Asolo Art Film Festivals
  • 2009: Ehrenbürger der Stadt Progadec, Albanien

Dabei ist Mistelbach nicht der einzige Standort eines Nitsch-Museums, wurde doch 2008 mit dem Museo Nitsch in Neapel ein weiteres dem Künstler gewidmetes Haus eröffnet. Und neben der Kunstwelt im engeren Sinne war Nitsch auch der Oper eng verbunden, gestaltete er doch etwa 1995 an der Wiener Staatsoper Massenets "Hérodiade" und 2001 Philip Glass' "Satyagraha" in St. Pölten mit. Auch in Zürich (Schumanns "Szenen aus Goethes Faust" 2007) oder an der Bayerischen Staatsoper in München (Messiaens "Saint François d'Assise" 2011) war Nitsch als Gestalter zu erleben. 2021 schließlich erfüllte sich mit einem Engagement bei den Bayreuther Festspielen dann ein Lebenstraum: Auf offener Bühne gestaltete er eine halbszenische "Walküre"-Aufführung. Am Donnerstag (21. April) wird in Venedig eine Ausstellung zu seiner 20. Malaktion 1987 eröffnet.

Das Archivbild vom 08.12.2001 zeigt Nitsch während einer Blut-Performance in der Frankfurter Kunsthalle Schirn.
© dpa/Roessler

Van der Bellen: "Unbestechlicher und faszinierender Maler"

Politiker vom Bundespräsidenten abwärts würdigten Nitsch in ersten Reaktionen. "Mit ausdrucksstarken Bildern und Aufsehen erregenden Aktionen hat er die heimische Kunstwelt neu definiert. Nun ist der Großmeister des Aktionismus von uns gegangen: Hermann Nitsch ist tot", so Alexander Van der Bellen. "Die heimische Kunst ist damit um eine ihrer auch international bedeutendsten Persönlichkeiten ärmer. Konsequent hat Hermann Nitsch über Jahrzehnte hinweg an seinem kultischen Stil gearbeitet, seine Werke und sein Wirken haben niemanden kaltgelassen. Österreich trauert um einen unbestechlichen und faszinierenden Maler und einen beeindruckenden Menschen. Sein Werk wird weiterleben, dessen bin ich mir gewiss", betonte der Bundespräsident in einer Aussendung.

"Mit dem Tod von Hermann Nitsch verliert Österreich einen großartigen Universalkünstler, der die Kunstszene über sechs Jahrzehnte lang nachhaltig geprägt hat wie kein anderer", ließ Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) verlauten. Nitsch habe "Österreich mit seiner Aktionskunst international positioniert und Kunstgeschichte geschrieben. Er war eine herausragende Persönlichkeit, ein großartiger Botschafter der Kunst, aber vor allem ein sensibler und ganz feinsinniger Mensch."

"Die Nachricht des Todes von Hermann Nitsch macht mich sehr betroffen", kondolierte auch Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) auf Twitter: "Mit ihm haben wir einen einzigartigen österreichischen Künstler verloren."

"Mit Hermann Nitsch verliert die Kunstwelt, verliert Österreich einen der prägendsten Künstler:innen der letzten Jahrzehnte. Er hat mit enormer Willens- und Schaffenskraft sowie großartigem Eigensinn tief in die menschliche Existenz geschaut und Irritierendes und Verstörendes zutage gefördert und dabei doch fröhlich und sinnlich das Leben zelebriert", hieß es in einem Tweet von Vizekanzler und Kulturminister Werner Kogler (Grüne).

"Heute hat uns ein wahrhaft einzigartiger Künstler verlassen", formulierte es Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne). "Seine vielfältige Auseinandersetzung mit Kunst, Ästhetik, Religion und Philosophie hat Hermann Nitschs Werk förmlich durchzogen. Seine Großformate ziehen Menschen in ihren Bann wie es kaum andere Kunstwerke können. Mit den Orgien-Mysterien-Spielen hat Nitsch außerdem die Grenzen des Kunstschaffens neu definiert." Persönlich beeindruckt habe sie vor allem "seine Durchsetzungskraft und seine Standhaftigkeit trotz aller Kritik, die ihm vor allem zu Beginn entgegengeschlagen ist".

Als "Personifikation der österreichischen Aktionskunst" bezeichnete Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) in einem Tweet den Toten. "Bis in die Gegenwart faszinierte er durch seinen innovativen Geist. Dass er sein 6-Tage-Spiel nicht mehr erleben kann, schmerzt sehr. Er wird in Erinnerung bleiben als einer der ganz großen österreichischen Künstler, der von Prinzendorf über Wien, Bayreuth, Paris und die USA die ganze Welt begeistert und verändert hat."

Als erste Politikerin hatte Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) reagiert. "Hermann Nitsch war ein Künstler von Weltrang und einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler überhaupt. Wir waren und sind unglaublich stolz, dass er eine so tiefe Verbindung zu Niederösterreich hatte und bei uns in Prinzendorf ein Zuhause gefunden hat. Denn Hermann Nitsch war nicht nur ein großartiger Botschafter unseres Landes in der ganzen Welt, sondern auch eine ganz große Persönlichkeit, die gerne in unserem Land gelebt und unserem Land viel gegeben hat", so Mikl-Leitner in einer Aussendung.

Nitsch-Museum als "bleibendes Denkmal"

"Es war mir eine große Freude und Ehre, Hermann Nitsch in vielen Gesprächen und Zusammentreffen begegnet zu sein. Er war eine schillernde, zuweilen auch polarisierende und umstrittene, aber immer spannende Künstlerpersönlichkeit von weltweiter Bedeutung." Mit dem Nitsch-Museum in Mistelbach habe das Land Niederösterreich "diesem großartigen Universalkünstler ein bleibendes Denkmal gesetzt. (...) Ich bin sicher, noch viele Generationen werden dieses Museum besuchen, um sich von seinen Werken inspirieren und begeistern zu lassen."

Auch ihr Vorgänger Erwin Pröll zeigte sich betroffen. "Hermann Nitsch war als große Künstlerpersönlichkeit anerkannt und verankert in der internationalen Kunstwelt. Sein Name und Werk bleiben über seinen Tod hinaus ein Teil der Kunstgeschichte", reagierte der Aufsichtsratsvorsitzende der Kultur.Region.Niederösterreich. "Verwurzelt und verwachsen war Hermann Nitsch in Niederösterreich", betonte der Alt-Landeshauptmann. "Für meine politische Arbeit haben Nitsch und sein Werk viel an Diskussion und Kritik bedeutet, wenn ich etwa an das Werden des Nitsch-Museums in Mistelbach denke, für das viel Kraft und Überzeugungsarbeit notwendig war. Für mich persönlich war Nitsch ein beeindruckender Mensch und Freund."

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) bedauert Hermann Nitschs Tod als "großen Verlust für die heimische und internationale Kunstszene". Nitsch war 1988 mit dem Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst und 2005 mit der Goldene Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien geehrt worden. "Durch Konsequenz und Hartnäckigkeit, aber auch durch die große Vielfalt seiner Kunst" habe er es geschafft, "zu einem der weltweit wichtigsten Künstler unserer Stadt und unseres Landes zu werden." - "Mit Hermann Nitsch verliert Österreich einen Meister des Gesamtkunstwerks von internationalem Format", reagierte Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ). "Wie kein anderer Künstler verstand er es, das Rituelle in den Dienst seines Schaffens zu stellen."

Für ÖVP-Kultursprecherin Maria Großbauer war Hermann Nitsch "ein Künstler von internationalem Format – wegweisend, innovativ, tiefgründig, umstritten, weltoffen und gleichzeitig tief verwurzelt in seine österreichische Heimat". Die Kultursprecherin der Grünen, Eva Blimlinger, würdigte Nitsch als "Gesamtkünstler zwischen Aktionismus, Ritus, Mysterium und Literatur". SPÖ-Kultursprecherin Gabriele Heinisch-Hosek nannte ihn einen "Tabubrecher" und einen "radikalen Avantgardisten": "Österreich verliert einen Ausnahmekünstler, der auch international zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstler*innen gehört."

"Ich habe Nitsch durch seine Arbeiten immer als einen durch und durch mutigen Menschen wahrgenommen. Ein Künstler, der sich von nichts und niemandem abbringen ließ, mit seinen Arbeiten die Menschen emotional zu berühren und aufzuwühlen, zu begeistern und zu provozieren und damit zum Nachdenken anzuregen. Seine Arbeiten haben auch in mir viel Kontroverses ausgelöst", bekannte NEOS-Kultursprecherin Julia Seidl, die namens ihrer Partei kondolierte.

Große Betroffenheit in der Kulturszene

Mit berührenden Würdigungen bedachten am Dienstag die Proponenten der Kulturszene Hermann Nitsch. Einig waren sich die Kondolierenden über die Einstufung Hermann Nitschs als einen der größten Künstler unserer Zeit.

"Sein beispielloser Einfluss reicht weit über die Grenzen unseres Landes hinaus", beschied etwa Albertina-Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder in einer Stellungnahme. In der Albertina befindet sich dank der Schenkung durch die Familie Essl die nach Eigenaussage weltweit bedeutendste und umfangreichste Sammlung von Nitsch-Werken. In diesem Zusammenhang verwies Schröder auf den langen Weg zur Akzeptanz des Nitsch'schen Œuvres: "Hermann Nitsch war jahrzehntelang vor allem ein Künstler für Künstler. Vom offiziellen Österreich viele zu lange geschmäht, hat er schließlich mit großer Befriedigung sein eigenes Museum in Niederösterreich erhalten." Nitsch habe das Ritual und den Mythos für die Kunst wieder zurückgewonnen und sei als auch äußerlich ikonische Figur nur mit der Bekanntheit von Andy Warhol und Joseph Beuys zu vergleichen. "Das lässt allzu leicht vergessen, dass wir mit Hermann Nitsch einen großartigen Menschen verlieren, dessen Charakterstärke, Weisheit und Humanismus ein Vorbild für Generationen sein kann: weit über die Kunst hinaus", so Schröder.

"Mit Hermann Nitsch verlässt eine Zentralfigur der Kunstwelt die Bühne. Sein Gesamtwerk sucht in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts seinesgleichen, er hat entscheidend zum Wandel unseres Kunstbegriffs beigetragen", unterstrich auch Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig. In der Sammlung ihres Hauses befinden sich neun zentrale Werke sowie fünf mit Günter Brus geschaffene Gemeinschaftsarbeiten. "Hermann Nitsch hat das österreichische Kunstgeschehen mit archaischer Mystik bereichert und den ritualisierten Exzess zur Kunst gemacht", würdigte Rollig den Verstorbenen.

ORF kündigte Programmänderungen an

Der ORF ändert sein Programm und zeigt heute um 22.35 Uhr auf ORF 2 und um 23.35 Uhr in ORF III die zum 80. Geburtstag 2018 entstandene Dokumentation "Das Universum des Hermann Nitsch" von Maria Seifert. In ORF III steht bereits um 19.45 Uhr ein "Kultur Heute Spezial" in memoriam Hermann Nitsch auf dem Programm. Auch der nächste "kulturMontag" (26. April, 22.30 Uhr, ORF 2) würdigt den Gegenwartskünstler. Der Radiosender Ö1 erinnert mit drei Sendungen an Hermann Nitsch: Der Komponist Nitsch steht am Donnerstag (21. April, 23.03 Uhr) im Mittelpunkt von "Zeit-Ton", "Die Hörbilder" wiederholen am Samstag (23. April, 9.05 Uhr) das Feature "...und es hat mit dem Nichts etwas zu tun." aus dem Jahr 2003. Und am Sonntag (24. April, 14.05 Uhr) ist in der Reihe "Menschenbilder" das Nitsch-Porträt "Lauheit ist das Schlimmste" aus dem Jahr 1988 zu hören. (APA, TT.com)


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