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Günter Kaindlstorfer: Ö1-Sendung über eigenen Nazi-Großvater

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NSDAP-Ortsgruppenleiter Anton Kaindlstorfer, 1938/39
© APA

Unzählige Radiobeiträge und Features hat der Hörfunkjournalist Günter Kaindlstorfer in seiner Laufbahn bereits gestaltet. Morgen, Samstag, läuft um 9.05 Uhr ein ganz besonderes Ö1-"Hörbild" von ihm, eines quasi in eigener Sache: "Anton Kaindlstorfer - Eine Karriere." Anton Kaindlstorfer (1900-1944) ist der Opa des Gestalters. "Mein Großvater war kein Mitläufer, sondern ein Nazi der ersten Stunde", sagt Günter Kaindlstorfer. "Er war ein organisierter Illegaler."

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Anton Kaindlstorfer starb 1944 in Frankreich an der Front und liegt dort in einem Soldatengrab begraben. Zweimal sei er als Kind bzw. Jugendlicher bei einem Familienbesuch am Grab mit dabei gewesen, erinnert sich der 1963 geborene Enkel. Die NS-Vergangenheit des Großvaters sei in der Familie kein Tabu gewesen, wenngleich niemand von den Nachgeborenen seine Ideologie guthieß. Schon vor 20 Jahren hatte die Schwester des Radiomachers beim Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) über den Großvater recherchiert - und dabei vor allem festgestellt: "Es ist wenig an Dokumenten da."

Immerhin habe es schon damals eine gewisse Sicherheit gegeben, dass er wohl "kein ganz übler, massenmordender Verbrecher" gewesen sei, räumt Günter Kandlstorfer im Gespräch mit der APA ein. Deswegen habe er auch keinen Bammel gehabt zuzusagen, als die Künstlerin Teresa Distelberger ihn vor einem Jahr anfragte, ob er sich für ein Kunstprojekt im Salzkammergut mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzen wolle. Dennoch habe er eine kurze Bedenkzeit gebraucht, gesteht Kaindlstorfer. Der Entschluss, sich nicht nur noch einmal mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen, sondern auch gleich selbst daraus ein Feature zu machen, sei erst allmählich gefallen. "Die Geschichte meines Großvaters und meiner Familie ist eine typisch österreichische Familiengeschichte", glaubt er. "Deswegen habe ich die Sendung gemacht."

Aufgrund der dürftigen Aktenlage arbeitet "Anton Kaindlstorfer - Eine Karriere" vor allem heraus, was der Antrieb eines gebildeten bürgerlichen jungen Mannes gewesen sein könnte, sich den Nationalsozialisten anzuschließen. "Es war ein Generationenkonflikt", vermutet der Enkel. "Die Vätergeneration war den Jungen einfach zu lasch. Sie wollten auf eine reaktionäre Art modern sein." Schon 1922 trat Anton Kaindlstorfer in die NSDAP-Ortsgruppe Ebensee ein und brachte es in Bad Ischl zum NS-Ortsgruppenleiter. Als Sparkassendirektor ist seine Mitwirkung an Arisierungen belegt - immerhin dürfte er sich dabei nicht besonders hervorgetan haben. "Doch es ist klar: Er war ein Täter. Er war ein prominenter und mächtiger Mann."

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1940 kommt die Parteikarriere von Anton Kaindlstorfer an ein überraschendes Ende. Sein Enkel vermutet Differenzen mit der Gauleitung, von der sich der Großvater nichts anschaffen lassen wollte. Genau lässt es sich nicht klären, warum er sich freiwillig zur Wehrmacht meldete, obwohl er hoher Parteifunktionär kriegsdienstbefreit gewesen wäre. Sicher ist nur, dass die Feldpostbriefe, die in der Sendung auszugsweise zu hören sind, belegen, dass der Nazi der ersten Stunde bis zuletzt fanatisch an die völkische Sache geglaubt hat. Nach dem gescheiterte Attentat von 20. Juli 1944 hätte man lieber 8.000 statt acht NS-Gegner aufhängen sollen, ist dort zu lesen. Nein, Anton Kaindlstorfer, der am 1. September 1944 östlich von Verdun unter amerikanischem Beschuss gefallen ist, war bis zuletzt ein Nationalsozialist. Und sein Enkel fasst am Ende der Sendung seine Haltung so zusammen: "Ich trete das Erbe meines Großvaters an, indem ich politisch so ziemlich alles anders mache, als er es getan hat."

Das Erbe ist dennoch kein leichtes. Nach seinem familiengeschichtlichen Outing hat Günter Kaindlstorfer schon am Sonntag seinen nächsten Auftritt im ORF: In Uli Jürgens' TV-Doku "Meine Großeltern, die Nazis" (Erstausstrahlung am 8. Mai um 22.05 Uhr auf ORF III) wird er als einer von mehreren Nachkommen sogenannter Täterfamilien vor die Kamera gebeten. "Es ist viel Arbeit, sich dem zu stellen, was die Recherche ans Licht bringt. Sie sorgt für Leid, Trauer und Scham", heißt es in der Ankündigung der Sendung. "Die Lehre aus der Vergangenheit als Verantwortung für das Heute."


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