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Prozess um Streit in Wörgl: Mordanklage verneint, Attacke nur Körperverletzung

21 Fragen für acht Geschworene: Den angeklagten Vatermord beurteilte ein Schwurgericht am Montag nur als Körperverletzung. Diese war für einen tödlichen Infarkt nicht kausal.

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Der Angeklagte am Montag vor Gericht.
© Thomas Böhm

Von Reinhard Fellner

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Innsbruck – Um 6.21 Uhr klingelte bei einer Unterländerin Ende August das Telefon. Eine Bekannte teilte ihr mit, dass der 30-jährige Stiefbruder ihres Sohns gerade die Wohnungstüre des 52-jährigen Vaters eingetreten hätte und es seither dort so richtig rundgehe. Schon zuvor hatte indes der 30-Jährige seinen besten Freund angerufen, dass dieser doch die Polizei verständigen solle, da er nun seinen Vater zur Rede stellen werde. Sieben Minuten hatte der hochgerechnet mit bis zu 2,44 Promille Alkoholisierte unter Tränen mit seinem Freund telefoniert. Hintergrund der Erregung und des Zorns auf den Vater waren dessen bereits abgeurteilte sexuelle Übergriffe im engsten Familienkreis des 30-Jährigen.

Im Weiteren hatte der kräftig gebaute Unterländer erst so kräftig gegen die Wohnungstüre getreten, dass diese samt der Eisenzarge in die Wohnung gefallen war. In der Wohnung schrie der 30-Jährige in Richtung des Vaters nicht nur einmal, dass er ihn umbringen werde. Später wird die Gerichtsmedizin bis zu sechs Verletzungen am Kopf des 52-Jährigen feststellen. Allesamt jedoch nur leichte Verletzungen, die ihm der Sohn im Zuge der Verwüstung der Wohnung zugefügt hatte. Nachdem es der 52-Jährige doch noch auf eine Bank ins Freie geschafft hatte, traf schon die Polizei ein und sah noch, wie der Sohn einen Holztisch in den Garten schleuderte. Während man versuchte, den 30-Jährigen zu beruhigen, sank der 52-Jährige schließlich auf der Bank zur Seite und verstarb an einem akuten Herzinfarkt.

52-Jähriger war schwer herzkrank

Der Tod des Vaters brachte dem Sohn am Montag am Landesgericht einen Schwurgerichtsprozess ein: Auf Mord, Hausfriedensbruch, Widerstand gegen die Staatsgewalt und fahrlässige Körperverletzung lautete die Anklage. Nach medizinischen Gutachten stand für Staatsanwalt Markus Grüner zur Anklageerhebung fest, dass das Toben des 30-Jährigen eine „erhebliche Erhöhung des Risikos für einen Herzinfarkt herbeigeführt hatte, das sich leider auch verwirklicht hat“.

Was weder Sohn, Kindesmutter noch Nachbarn wussten: Der 52-Jährige war schwer herzkrank und musste unbemerkt schon einmal einen schlecht verheilten Infarkt gehabt haben. Dazu kamen Übergewicht und Nikotin.

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So relativierte ein Kardiologe im Prozess sein schriftliches Gutachten zwar nur ein wenig, aber doch entscheidend: Einen, wie angeklagt, „sehr geringen Zusammenhang zwischen Tatgeschehen und dem Auftreten des Infarkts“ wollte er nun nicht mehr aufrechterhalten. Vielmehr wollte der Gutachter anhand des Zustands des Verstorbenen keine Kausalität mehr bejahen. Der Infarkt wäre beim 52-Jährigen auch ohne den Streit mit dem Sohn jederzeit möglich gewesen. Ankläger Grüner blieb fair und objektiv: „Da sieht man den Wert einer solchen Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht!“ Vor den Geschworenen ortete der Staatsanwalt nun aber einen Mordversuch.

Nach einem heftigen Streit mit Todesdrohungen und Gewalteinwirkungen durch den Sohn erlitt der 52-jährige Vater einen Herzinfarkt.
© zoom.tirol

Verteidiger Thomas Kraft trat dem jedoch entgegen und wies darauf hin, dass der starke 30-Jährige weder ein vor ihm befindliches Küchenmesser noch sein eingestecktes Cuttermesser gegen den Vater gerichtet hatte: „Auch den Tisch hat er nicht auf den Vater, sondern in die Wiese geworfen!“ Auch der Angeklagte verneinte jegliche Tötungsabsicht gegenüber seinem Vater – auch wenn ihm zu den unmittelbaren Vorkommnissen in der Wohnung bis heute die Erinnerung fehlt. Der frühmorgendliche Ausbruch war wohl Ventil für eine Kindheit und Jugend gewesen, wie man sie niemandem wünscht: „Hass ist das falsche Wort, aber ich habe meinen Vater für das, was er getan hat, verabscheut.“

Die Geschworenen hatten anhand der rechtlichen Komplexität des Falls dann eine Mammutaufgabe zu lösen: 21 Fragen waren zu klären. Sie haben es sich aber nicht leicht gemacht. So bewerteten sie das Geschehen nicht rechtskräftig als reine Körperverletzung ohne Zusammenhang mit dem Infarkt. Dafür reichten sechs Monate Haft, die bereits in U-Haft verbüßt worden waren. Staatsanwalt Grüner zog den Haftantrag trotz fehlender Rechtskraft sofort zurück.


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