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Erstes Journalismusfest in Tirol: Hinter den Schlagzeilen

Tiroler Tiefstapler, vertuschte Verbrechen und die ertrinkende Welt beim ersten Journalismusfest Innsbruck.

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Publikumsmagnet: Beim ersten Journalismusfest Innsbruck wurde der Zeit-Podcast „Servus. Grüezi. Hallo“ im Haus der Musik aufgezeichnet.
© Gruber

Innsbruck – Florian Gassers Zutrauen in die Begeisterungsfähigkeit seiner Tiroler Landsleute ist überschaubar. Der Leiter der Österreich-Seiten der deutschen Wochenzeitung Die Zeit hatte gewettet, dass bei der Aufzeichnung des von ihm mit seinen Kollegen Matthias Daum und Lenz Jacobsen eingesprochenen Transalpin-Podcasts „Servus. Grüezi. Hallo“ am Freitagabend der eine oder andere Stuhl im Innsbrucker Haus der Musik frei bleiben würde. Daum und Lenz hielten dagegen. Und sie sollten Recht behalten. Der durchaus sympathische Versuch, Tiefstapelei als Tiroler Tugend zu etablieren, ging in die Hose und der Andrang war schließlich so groß, dass sich das Innsbrucker Konzerthaus recht mühelos noch ein zweites Mal hätte füllen lassen. Kleiner Trost für alle, die in der Wartelistelotterie um einen der gut 800 Sitzplätze eine Niete zogen: Die in Innsbruck aufgezeichnete Podcast-Episode ist bereits an diesem Mittwoch abrufbar. Und: Die eine oder andere Szene aus dem Haus der Musik dürfte es wohl auch in den Dokumentarfilm schaffen, der gerade über das transalpine Trio gedreht wird.

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Im Treibhaus wurde am Samstag u. a. über Afghanistan geredet.
© Böhm Thomas

Auffallend, ob der unbarmherzig sommerlichen Witterung nachgerade erstaunlich gut besucht, waren aber auch die anderen beinahe 60 Veranstaltungen des ersten Journalismusfests Innsbruck, das gestern Abend nach drei intensiven Internationalen Tagen der Information zu Ende ging. Mehr als 4000 BesucherInnen wurden gezählt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es weitere Auflagen dieses in dieser Form im deutschen Sprachraum einmaligen Festivals geben wird, dürfte auch dadurch gestiegen sein.

Auch beim Auftritt der deutschen Investigativ-Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer am Samstagnachmittag hieß es „Full House“. Bei der Süddeutschen Zeitung hatten Obermaier/Obermayer im Mai 2019 die „Ibiza-Affäre“ ins Rollen gebracht, die Österreichs Politikalltag erschütterte und bis heute prägt. Auch an der Veröffentlichung der Panama Papers waren sie beteiligt. Inzwischen haben sie mit Paper Trail Media einen eigenen Investigativ-Newsroom gegründet. In Innsbruck plädierten sie für einen Journalismus, der sich Zeit nimmt. „Die schnelle Meldung steht überall, die Enthüllung der Hintergründe kann zum Alleinstellungsmerkmal eines Mediums werden“, unterstrich Obermayer.

Über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche

Auch die Reporterin Christina Zühlke arbeitet investigativ. Und auch sie steht für „langsamen Journalismus“. In Innsbruck sprach sie über ihre Recherchen über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche – und über bischöfliches Bemühen, die Aufarbeitung lange vertuschter Verbrechen zu behindern. Der katholische Theologe Hans Zollner pflichtete ihr bei und konstatierte bei manchen Würdenträgern „Überidentifikation mit dem, was sie für die Institution Kirche halten“.

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Fotos von Gideon Mendel sind noch bis 19. Mai im Dom zu sehen.
© Klinger

Sexuelle Gewalt und patriarchale Strukturen waren bei verschiedenen Veranstaltungen Thema. Am eindrücklichsten vielleicht bei der Diskussion über die neuerliche Machtübernahme der Taliban in Afghanistan. Das Gespräch der afghanischen Exil-Journalistinnen Farahnaz Forotan und Parwana Rahmani und der Aktivistin Monika Hauser führte auch vor Augen, wie schnell ein Thema aus den Schlagzeilen und der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet. Verfolgung und Leid bleiben.

Im Rahmen des ersten Journalismusfests Innsbruck war im Dom zu St. Jakob auch eine Ausstellung von Gideon Mendels Langzeitprojekt „Drowning World – Submerged Portraits“ zu sehen. Seit 2007 porträtiert der vielfach ausgezeichnete Fotojournalist aus Südafrika Menschen, die vom Anstieg des Meeresspiegels oder extremen Hochwasserereignissen betroffen sind. 20 großformatige Bilder sind noch bis Donnerstag, 19. Mai, im Innsbrucker Dom zu sehen. Der Eintritt ist frei. (jole)


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