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Gewaltschutz-Konzept an der Klinik: Drei kurze, wirksame Fragen

Die Klinik Innsbruck hat ihr Konzept zum Schutz von Opfern häuslicher Gewalt evaluiert und für gut befunden. Jetzt wird es ausgerollt – erst auf der Kinderambulanz, dann wohl in weiteren Bereichen.

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Mit drei Screening-Fragen werden an der Innsbrucker Klinik Opfer von häuslicher Gewalt identifiziert.
© Symbolfoto: dpa

Von Benedikt Mair

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Innsbruck – Weiß jemand, dass Sie hier sind? Darf jemand nicht wissen, dass Sie hier sind? Gibt es in Ihrer Umgebung jemanden, der Ihnen Unbehagen oder Angst bereitet? Diese drei einfachen Fragen werden seit drei Jahren allen Patienten gestellt, die an der Klinik Innsbruck Notaufnahme oder allgemeinchirurgische Ambulanz betreten. So sollen Opfer von häuslicher Gewalt identifiziert werden. Das gelingt in vielen Fällen, wie eine Evaluierung zeigt, die gestern präsentiert wurde. Nun soll das Konzept ausgeweitet werden – erst auf die Kinderambulanz, dann auf weitere Stationen.

Abseits von Verletzungsmustern oder dem Auslöser für den Besuch werde vom Pflegepersonal seit April des Jahres 2019 „routinemäßig nach Gewalterfahrungen gescreent“, erklärt Thomas Beck, Psychologe und Leiter der Opferschutzgruppe am Landeskrankenhaus Innsbruck (LKI). „Und das macht Sinn und ist gut.“ Das zeige auch eine Erhebung, an der 102 Patientinnen und Patienten teilgenommen haben. Besonders die dritte Frage – jene nach Angst oder Unbehagen – schaffe es, „hochsignifikant die Menschen herauszufiltern, die aktuell häusliche Gewalt erfahren“. Zwei Drittel derer, die sie mit Ja beantworteten, seien während der vergangenen zwei Jahre Opfer in den eigenen vier Wänden geworden.

Die ärztliche Direktorin der Klinik Innsbruck, Alexandra Kofler, betont eine „große Verantwortung“, die medizinischen Einrichtungen in dieser Sache zukomme. „Wir müssen das direkt ansprechen.“ Betroffene werden zwar öfter in Krankenhäusern vorstellig – in Extremfällen bis zu 15-mal pro Jahr –, aber seltener als andere Patienten stationär aufgenommen. „Opfer verstecken sich“, sagt Kofler. Zu den Schutzmaßnahmen zählt auch der Satz „Ich muss zu Dr. Viola“. Seit der Einführung vor rund einem Jahr wurde er in Innsbruck von 19 Frauen und zwei Männern ausgesprochen, die akut von Gewalt betroffen sind. „Eine Erfolgsgeschichte, auch wenn es einen ernsten Hintergrund gibt“, sagt die Direktorin. Noch sei das Ende der Fahnenstange aber nicht erreicht, „wir müssen weiter ausbauen, weiter fortbilden“, erklärt Kofler. In einem ersten Schritt wird das Drei-Fragen-Konzept auch an der Notfallambulanz der Kinderklinik etabliert. Weitere Bereiche, an denen es engen Kontakt mit Patienten gibt, könnten folgen. „Das muss sich quer durchziehen.“

Dass nun auch Jugendliche und Kinder direkt angesprochen werden, findet Klaus Kapelari enorm wichtig. Denn sie seien dort, wo häusliche Gewalt vorherrscht, „involviert, häufig mit einbezogen“, weiß der Oberarzt an der Kinderklinik und Leiter der LKI-Kinderschutzgruppe. Unter anderem deshalb, weil es sich laut Kapelari kaum um Einzelereignisse, sondern meist um ganze Systeme handle. Die Kleinen und Kleinsten geraten bei den Auseinandersetzungen der Eltern zwischen die Fronten, werden dadurch belastet oder in vielen Fällen selbst misshandelt. „Das tragen sie dann ihr ganzes Leben lang mit.“

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Die drei Gewalt-Screening-Fragen – altersgerecht leicht angepasst, aber im Kern unverändert – werden vorerst jenen Kindern und Jugendlichen gestellt, die ohne Begleitung von Vater und Mutter in die Ambulanz kommen – jedenfalls dann, wenn sie 14 Jahre und damit teilrechtsfähig sind. „Sie können artikulieren, was der eigentliche Grund ist, warum sie bei uns sind“, erklärt Kapelari. „Und es uns ermöglichen, eine weitere Eskalation zu verhindern.“ Beim Thema der häuslichen Gewalt werden Kinder allzu oft vergessen, kritisiert er. Gesamtgesellschaftlich müsse sich daran dringend etwas ändern. Die Klinik geht mit gutem Beispiel voran. Denn laut Kapelari soll „das Krankenhaus ein Ort der Sicherheit sein“.


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