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„Ja, Mai“-Festival: Hinter diesen Wänden lauern Angst und Wahnsinn

Das Münchner Festival „Ja, Mai“ führt Zeitgenössisches von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus und die Anfänge der Oper zusammen.

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Das Epizentrum des „Bluthauses“: Vera-Lotte Boecker als Nadja.
© Rittershaus/Bayerische Staatsoper

München – Eigentlich könnte das Stück auch „Wuthaus“ oder „Muthaus“ oder gar „Gluthaus“ heißen, doch nennen es der Komponist Georg Friedrich Haas und Librettist Händl Klaus nun eben „Bluthaus“. Zur Uraufführung kam es 2011 und hineingepackt haben Haas und Händl ein komplexes Bündel vorwiegend düsterer Emotionen. Nadja ist das Epizentrum, eine hochneurotische, verstörte Frau, die ihr Elternhaus veräußern möchte. Die Eltern sind tot, doch sie wohnen weiter in ihr. Interessenten schauen sich die Zimmer, Fluchten, Räume an, während Nadja fortdauernd von den Stimmen der Verstorbenen heimgesucht wird, vor allem vom Vater, der sie sexuell missbrauchte. Später wird ihr Makler (mit knisternd erregtem Counter: Hagen Matzeit) kurzzeitig zum Vaterersatz ...

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Wie in den messerscharf geschnittenen Szenen und Dialogen der Tirolers Händl Klaus, bei denen sich oft die Protagonisten ins Wort fallen oder Textbruchstücke penibel untereinander aufteilen, so schöpft auch Georg Friedrich Haas aus dem Vollen seiner Kunst. Haas’ einschlägige Klangsprache mit Mikrointervallen, Vierteltönen, zum Klingen und Schwingen gebrachten Obertonreihen verfugt sich oft wunderbar mit mal lauernd grotesken, mal intensiven, ‚reinen‘ Schmerzenskantilenen, die die phänomenale Vera-Lotte Boecker als Nadja zum Glühen bringt. Bo Skovhus zeichnet als Vater ein geniales Portrait (vokal wie gestisch) eines abgründigen Monsters. Aufregend und böse agieren drei (im Programmheft namentlich nicht genannte) Solisten des Tölzer Knabenchors, die unheimlich durch die Szenerie schreiten und (fast) schreien. Toll Steffen Höld als Herr Hubacher, der mit Dr. Strickner (Thomas Huber) ein neues Heim sucht – sowie eine ganze Reihe weiterer Figuren.

Einziger Kritikpunkt: die überdrehten, Vaudeville-artigen Passagen geraten bei Haas und Händl etwa zehn Minuten zu lang. Wobei Regisseur Claus Guth in seinem von Etienne Pluss gestalteten Vivarium grauweiß sichtbar Spaß am Auf-die-Pauke-Hauen hat. Ansonsten ist das alles allerfeinstes Psychotheater, Videos erweitern die Szenerie und verengen, ja konzentrieren sie zugleich.

Dirigent Titus Engel erfüllt mit dem mittelgroß besetzten Bayerischen Staatsorchester alle Haas’schen Forderungen und nimmt sämtliche Hürden der Partitur. Nur der Monteverdi klang zunächst auffallend dissonant. Aber wieso Monteverdi? Weil, dies ist der Clou des Ganzen, anfangs und am Ende noch Klageklänge des Urmeisters des Musiktheaters stehen. Da trauert etwa eine Nymphe über ihr Schicksal, Claus Guth bettet diese Situation in eine Befragung Nadjas ein, die einem Psychologen oder Polizisten Auskunft über sich geben soll.

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Die glückhaft geniale „Bluthaus“-Neuproduktion steht im Zentrum des neuen Münchner „Ja, Mai“-Festivals, das noch bis 29. Mai ausgehend von Haas und Händls Kooperationen den Dialog von zeitgenössischer und früher Oper sucht. An diesem Montag kam im Utopia auch Anna-Sophie Mahlers Inszenierung von „Thomas“ (2013) zur Premiere – Alexandre Bloch leitete das Münchner Kammerorchester. Lesungen, Filme und Gesprächsformate ergänzen die Auseinandersetzung. „Koma“, die dritte Zusammenarbeit von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus, soll 2024 beim dann dritten „Ja, Mai“-Festival zur Aufführung kommen. (jff)


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