Literatur

„Zwei Jahre Nacht“ von Damir Ovčina: „Krieg ist keine Geschichte“

Die bosnische Hauptstadt Sarajevo war von 1992 bis 1996 von serbischen Einheiten eingekesselt.
© AFP/Guyot

Damir Ovčina hat mit „Zwei Jahre Nacht“ ein dunkles Meisterwerk über die Belagerung Sarajevos im Bosnienkrieg geschrieben. Am Dienstag stellt er es in Innsbruck vor.

Innsbruck – Mit „Zwei Jahre Nacht“ hat der bosnische Autor Damir Ovčina einen beklemmenden Roman über die Belagerung Sarajevos in den Jahren 1992 bis 1996 geschrieben. Er erzählt vom Überleben eines 18-Jährigen im Stadtteil Grbavica, das von bosnischen Serben besetzt und zum Gefangenenlager umfunktioniert wurde. Am Dienstag präsentiert Ovcˇina sein beeindruckendes Romandebüt in Innsbruck. Die TT hat mit ihm darüber gesprochen.

In einer – wie mir scheint – zentralen Passage Ihres Romans „Zwei Jahre Nacht“ sagt eine Figur: „Morgen wird man nicht einmal wissen, dass all das passiert ist.“ Ist das Buch ein Versuch, gegen das Vergessen anzuschreiben?

Damir Ovčina: Diese Absätze beziehen sich einerseits ganz konkret auf die Versuche von Propagandisten, die das, was im Krieg wirklich passiert ist, im Nachhinein als Erfindungen darstellen wollten. Andererseits geht es allgemeiner auch darum, dass wir immer Gefahr laufen, das, was war, zu verdrängen: Es ist Vergangenheit und weit weg. Aber Vergangenheit ist nie vergangen. Die Gegenwart und die Zukunft sind Produkte der Vergangenheit. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was passiert ist. Es geht nicht darum, von der Vergangenheit besessen zu sein – und sich in ihr zu verlieren, aber die Vergegenwärtigung dessen, was war, ist wichtig: Ohne Verständnis für die Vergangenheit lässt sich die Gegenwart nicht verstehen – und wenn man die Vergangenheit kennt, kann einen auch die Zukunft nicht wirklich überraschen.

Welche Rolle spielt dabei die Literatur?

Ovčina: Literatur kann das Historische wieder zur Erfahrung werden lassen. Wenn von der Geschichte nur die Fakten übrig bleiben, wird sie unbegreifbar. Literatur ist für mich die Suche nach einer Form, damit das, was ich und so viele andere während des Kriegs gesehen und erlebt haben, Kraft und Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit bekommt.

„Zwei Jahre Nacht“ ist ein Roman über den Bosnien-Krieg. Wie schreibt man über Krieg?

Ovčina: Krieg ist keine Geschichte. Krieg ist nicht einmal eine Neuigkeit. Die Geschichte der Menschheit ist eine lange Folge von Kriegen. Über den Krieg hätte ich nicht schreiben können, aber ich wollte schreiben. Seit ich denken kann, will ich schreiben. Mein Ausgangs- und Schlusspunkt für „Zwei Jahre Nacht“ war ein ganz konkretes Bild: Der erste Schnee auf den Dächern meines Viertels. Ich wollte erzählen, was zwischen diesen beiden Bildern passiert ist. Dazwischen war Krieg. Also habe ich mich auf die Suche nach einer Form dafür gemacht. Ein wichtiger Aspekt war, dass die Erzählung weder pathetisch noch kitschig werden darf.

Das ist Ihnen unter anderem dadurch gelungen, dass Sie weitgehend darauf verzichten, Ihre Figuren zu benennen. Man erfährt nicht einmal, wie der Protagonist heißt.

Ovčina: Eigennamen hätten abgelenkt. Im Deutschen werden viele Worte großgeschrieben, im Bosnischen fast nur Eigennamen. Die hätten aus dem Text wie Berge herausgeragt. Wenn man die Namen in einem Text einmal ausgemacht hat, ist es möglich, ihnen durch den Text zu folgen. Dann liest man nicht mehr, sondern scannt eher über die Zeilen, um herauszufinden, wie es weitergeht.

Ihr Roman ist autobiografisch grundiert. Sie lebten in Grbavica, einem von serbischen Soldaten besetzten Stadtteil Sarajevos, das für die eingeschlossenen Moslems zum grausamen Gefängnis wurde.

Ovčina: Ich wollte über mein Viertel schreiben – und über das, was dort passiert ist. Das, was ich und andere dort erlebt haben, die Bilder, die wir gesehen, und die Erfahrungen, die wir dort gemacht haben, wollte ich erzählen. Ich habe beinahe 20 Jahre dafür gebraucht.

Welche Rolle spielt der Krieg im heutigen Bosnien?

Ovčina: In Sarajevo erlebe ich zwei Bewegungen: Die Erinnerung an den Krieg ist einerseits sehr weit weg – und andererseits sehr präsent. Gerade für meine Generation war die Erfahrung selbstverständlich prägend. Und tatsächlich war der Krieg oft auch eine Entschuldigung für andere Enttäuschungen. Bei der jüngeren Generation erlebe ich etwas ganz anderes. Sie leben in Vierteln, die Kriegsgebiet waren, bewohnen Häuser, in denen unbeschreibliche Verbrechen passiert sind – und selbst wenn sie davon wissen, wissen sie nicht, wie sich das, was dort vorgefallen ist, für uns, die es miterlebt, die es überlebt haben, angefühlt hat.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wird in Europa wieder Krieg geführt. Droht der Bosnienkrieg dadurch in Vergessenheit zu geraten?

Ovčina: Wie gesagt: Krieg ist keine Neuigkeit. Das mag zynisch klingen, aber es ist so. Die Vorgänge wiederholen sich, weil die meisten Menschen in einer Sache besonders gut sind: Sie verstehen sich darauf, die meiste Zeit das zu ignorieren, was wirklich geschieht. Gerade in Europa sind wir sehr gut darin, Vorgänge so lange zu ignorieren und zu verharmlosen, bis es zu spät ist. Das war im ehemaligen Jugoslawien so – und wiederholt sich nun der Ukraine. Wer heute sagt, Russland sei erst im Februar zum Wolf geworden, hat in den vergangenen zwanzig Jahren absichtlich weggesehen.

Das Gespräch führte Joachim Leitner

Der Bosnien-Krieg 30 Jahre danach – Dialogisches Erinnern

Der Ausbruch des Bosnienkrieges im Frühjahr 1992 jährt sich heuer zum 30. Mal. Die Universität Innsbruck beschäftigt sich in einer Veranstaltungsreihe mit den historischen Hintergründen, Nachwirkungen und der Erinnerungskultur, die sich daraus entwickelt hat.

Lesung: Damir Ovčina präsentiert seinen Roman „Zwei Jahre Nacht“ („Kad sam bio hodža“) am Dienstag, 19 Uhr, im Literaturhaus am Inn. Moderation: Andrea Zink, Übersetzung: Mascha Dabic´.

Film und Diskussionen: Am Donnerstag, 9. Juni, wird im Leokino Jasmila Žbanic´’ 2006 bei der Berlinale ausgezeichneter Spielfilm „Grbavica“ gezeigt. Im Anschluss findet eine Diskussion zum Thema „Flucht nach Tirol“ statt. Beginn: 19.30 Uhr. Eine weitere Podiumsdiskussion ist für den 12. Oktober in der Stadtbibliothek Innsbruck angekündigt. Das Thema: „Dialogisch erinnern, Gedenken gestalten“.

Weitere Infos: www.uibk.ac.at/zeitgeschichte