Kino

Jurassic World ist zurück auf der Leinwand: Wenn der Mensch Gott spielt

Kopf hoch: Bryce Dallas Howard spielt in „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ zum dritten Mal die frühere Vergnügungspark-Funktionärin Claire Dearing.
© Universal

Im Sommerblockbuster „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ werden Dinosaurier zur globalen Alltagsbedrohung. Wirkliches Interesse an der „neuen Normalität“ hat der Film aber nicht.

Von Joachim Leitner

Innsbruck – „Jurassic Park“ war vor gut 30 Jahren ein Triumph computergenerierter Magie. Der Moment, in dem Dr. Alan Grant (Sam Neill), der grantelnde Paläontologe, das Staunen lernt, sich, wie es sich für einen Staunenden im Kino gehört, die Pilotenbrille vom Gesicht reißt und seine On-off-Freundin, die Biologin Dr. Ellie Sattler (Laura Dern), in einem Akt wohlmeinender Übergriffigkeit zum Mitstaunen einlädt, hat sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis werdender Millennials. Und der Brachiosaurus, den einen Augenblick nach Grant und Sattler auch die Zuseher zu sehen bekamen, sowieso. Das Urviech bewegt sich geschmeidig – kein Stop-Motion-Ruckeln mehr, kein Kleindarsteller im Kostüm, kein animatronisches Wunderwesen, sondern Mogelei aus Bits und Bytes. Weil Regisseur Steven Spielberg dem digitalen Zauber noch nicht traute, setzte er ihn spärlich ein. Den so gar nicht heimlichen Star des „Jurassic Park“ deutete er zunächst durch einen wackelnden Busch an. Erst in der zweiten Hälfte des Films hat der Tyrannosaurus Rex seine großen Auftritte. Drumherum gab es auch eine Handlung – und eine mehr oder weniger belastbare Warnung: Wenn der Mensch Gott spielt, wird’s grausig. Das war schon bei „Frankenstein“ nicht anders. Aber jetzt gab es eben auch Dinosaurier. Das ist, wie gesagt, beinahe 30 Jahre her. Und es war der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

CGI – Computer Generated Imagery – ist seither zum Kinostandard geworden. Alles, was sich programmieren lässt, lässt sich auch drehen. Kein Drehbuchloch ist groß genug, um nicht mit ordentlich Rechenleistung gestopft zu werden. Größer, schneller, weiter: Der Zauber aber war irgendwann weg. Wenn alles geht, bleibt die Magie auf der Strecke.

Der neue „Jurassic“-Film, „Jurassic World: Ein neues Zeitalter, der sechste seit 1993, der dritte seit dem Neustart von 2015, als Regisseur Colin Trevorrow den Park zur World erklärte, ist noch keine Minute alt, da zerlegt eine Riesenechse einen Hochseetanker. Beeindruckend, aber business as usual. Solche Eskalationen haben sich schon 2018 abgezeichnet. Am Ende von „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ haben die Dinosaurier die „Vergessene Welt“ ihrer Pazifikinsel verlassen. Der Chaos-Theoretiker Ian Malcom (Jeff Goldblum) kündigt eine „neue Normalität“ an: Die Menschheit muss lernen, mit der Bedrohung zu leben. Das klingt heute dringlicher als vor fünf Jahren.

Jurassic World: Ein neues Zeitalter

Ab 12 Jahren. Derzeit in den Kinos.

Echtes Interesse hat „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“, erneut sitzt Trevorrow auf dem Regiestuhl, an dieser Ausgangslage nicht – und an den Dinosauriern eigentlich auch nicht. Die sorgen für Schauwerte und Jump-Scares – im Nebel, im Zwie- und Sonnenlicht, sie huschen als Schatten durchs Dekor, hetzen durch eine maltesische Altstadt und tummeln sich selbst in den Dolomiten. Wegen der Dinos droht der zivilisierten Welt einmal mehr der Untergang. Doch noch lässt sich mit Urzeit-DNA Geld verdienen. Das dämmert den erfahrenen Recken der Filmreihe schnell: Sam Neill, die inzwischen für „Marriage Story“ oscarprämierte Laura Dern und Jeff Goldblum, die schon 1993 staunten und dann doch lieber nichts gesehen hätten, sind wieder da. Sie wollen die Umtriebe eines Tech-Konglomerats, das in bester Superschurken-Manier in einer hochgerüsteten Alpenfestung der Abschaffung der Menschheit entgegenarbeitet, aufdecken.

Die Helden der jüngeren „Jurassic“-Filme, Raptoren-Flüsterer Owen Grady (Chris Pratt) und die einstige Vergnügungspark-Funktionärin Claire Dearing (Bryce Dallas Howard), stellen derweil den Entführern ihrer Ziehtochter Maisie (Isabella Sermon) nach. Auch dabei geht es um DNA und dunkelste Machenschaften. Irgendwann finden Team alt und Team neu zusammen, da hat der Film schon gut zwei Stunden und zahlreiche ziemlich schwer durchschaubare Plotschwenker, einige schmucke Showeinlagen und ein paar recht drollige Witze hinter sich. Es wird viel gerannt – und furchtbar viel muss in hölzernen Dialogen erklärt werden. Dramaturgisch ächzt und knarzt das „Neue Zeitalter“ gewaltig. Was nicht passt, wird passend gemacht. Den Rest erledigen Dinosaurier, die seltsam süßen genauso wie die monströsen.

„Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ ist als Abschluss der zweiten „Jurassic“-Trilogie angekündigt. Dass es deshalb mit den Dinosauriern in Hollywood zu Ende gehen könnte, glaubt niemand. Die beiden letzten „Jurassic“-Filme haben zusammen rund drei Milliarden US-Dollar eingespielt. Es gilt, was Chaos-Kenner Ian Malcom schon 1993 feststellte: Das Leben findet immer einen Weg. Auch das digitale. Jedenfalls, solange es sich rechnet.