Energiewende

Zu lange Verfahren: „Was wir tun, ist nicht klimagerecht“

Die Genehmigung grüner Energie-Anlagen dauert zu lange, um die Klimaziele erreichen zu können, bemängelt Volkswirt und Soziologe Renn.
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Grünes Energiepotenzial gebe es laut Experten mehr als genug. Bremsklötze: lange Verfahren und Mangel an geschulten Betrieben.

Von Max Strozzi

Lech – Das Potenzial für die Energiewende wäre vorhanden, die Klimaziele drohen in Europa unter anderem aber auch an fehlendem Personal und langen Genehmigungsverfahren zu scheitern. Das betonte gestern Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam beim Start des mehrtägigen Symposiums Impact Lech in Lech am Arlberg zum Thema Energiewende und Klimatransformation. In Deutschland dauere es beispielsweise 8 Jahre vom Beschluss bis zur Inbetriebnahme einer Windkraftanlage. Dazwischen lägen oft lange Verfahren und Gerichtsprozesse, auch weil zwar jeder erneuerbare Energie will, aber ein Windrad möglichst nicht in Blickweite haben möchte. „Bei der Genehmigungsdauer muss man etwas machen, sonst erreichen wir die Klimaziele nicht.“

Auch beim Personal ortet der Experte Engpässe: Nicht etwa für den Bau von Solarstromanlagen oder Windrädern, sondern beispielsweise bei Elektrikern und Installateuren. „Viele sind nicht so weit, dass sie die neuen Anlagen beherrschen. Wir finden nicht genug Betriebe, die das können. Hier haben wir ein ganz großes Problem.“

Dabei sei ein dringender Ausstieg aus fossiler Energie und ein Ausbau von Solarenergie, Windkraft, Wasserkraft oder Geothermie mehr als nötig. „Weltweit sterben 1,5 Millionen Menschen an den Folgen fossiler Energie“, so Renn. Das Potenzial für grüne Energien sei in allen Ländern Europas vorhanden. Sein Heimatland Deutschland etwa verbrauche jährlich 2700 Terawattstunden an Primärenergie (z. B. Kohle, Öl, Erdgas) für Wärme, Strom und Verkehr. Ein Drittel davon ließe sich „locker“ durch Erneuerbare ersetzen, ein weiteres Fünftel durch importierten Wasserstoff. Würde absolut jegliches Potenzial ausgeschöpft werden – also etwa auf jeden Neubau eine PV-Anlage, dazu Geothermie und Wasserkraft ausbauen –, könnten Erneuerbare 2,4-mal mehr liefern, als an Primärenergie benötigt wird.

Überdies sei grüne Energie wirtschaftlicher (auch abseits der Wasserkraft), wenn man neu errichtete Anlagen miteinander vergleicht. Grüne Neuanlagen seien mit Produktionskosten von drei bis sieben Cent je Kilowattstunde günstiger als neue Kohlekraftwerke (6–10 Cent) oder neue Atommeiler (mehr als 10 Cent).

Die Versorgungssicherheit der Erneuerbaren sei ebenfalls gegeben, sofern man sich europaweit vernetzt und Speicherung ermöglicht. Backup-Kraftwerke werde es weiterhin geben, aber mit Gas aus erneuerbaren Quellen wie etwa Biomasse. Die Umstellung auf „grünes“ Gas werde aber noch 20 Jahre brauchen.

Noch ist Wasserstoff zu grau

Lech – Wasserstoff – ein farbloses Gas – hinterlässt derzeit einen großen CO2-Fußabdruck, weil es hauptsächlich aus Erdgas hergestellt wird, wie Alexander Trattner, Leiter des österreichischen Wasserstoff-Forschungszentrums HyCentA, gestern beim Impact-Lech-Symposium ausführte. „Die langfristige Lösung ist es daher, grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien herzustellen.“ Einige Technologien dafür, wie etwa Wasserstoff direkt aus Solarenergie zu gewinnen, seien noch nicht marktreif. Langfristig ortet Trattner im Wasserstoff ein Potenzial von 20 bis 30 Prozent unter allen Energieträgern. Große Chance sieht er für Züge, Busse, große Lkw und in der Industrie. Wasserstoff diene besonders auch dazu, Überschussenergie aus dem Sommer zu speichern. In etwa zehn Jahren könnten die Produktionskosten von grünem Wasserstoff ein wirtschaftlich tragbares Maß erreicht haben. Derzeit lägen die Kosten von grün hergestelltem Wasserstoff laut Verbund-Chef Michael Strugl bei 8 bis 9 Euro je Kilogramm, marktfähig sei grüner Wasserstoff ab 3 Euro je kg. „Grauer“ Wasserstoff, also aus Erdgas hergestellt, koste in der Produktion laut Trattner derzeit 1,5 bis 2 Euro je Kilo.

„Der Erneuerbaren-Ausbau muss Priorität eins haben“ betont Trattner. Dazu gehöre etwa, große Elektrolyse-Anlagen zu bauen sowie die Speicherung von Wasserstoff zu ermöglichen. „Österreich verfügt über große Gasspeicher, wir müssen sie nutzbar machen.“ Zudem ließe sich Wasserstoff in den Öl- und Gasleitungen transportieren, denn der Lkw-Transport sei ineffizient: „Die Leitungen kann man relativ leicht umbauen.“

Aus Sicht von Klima- und Energiefonds-Geschäftführerin Theresia Vogel können die Wasserstoff-Konzepte zunächst einmal in der Industrie greifen, weil sich erst bei Großabnehmern die Elektrolyse rentiert. „Den Start wird die halböffentliche Industrie machen.“ (mas)