Oper

Minimal Music im Farbenrausch bei den Wiener Festwochen

Die deutsche Regisseurin Susanne Kennedy formt Glass’ Oper zu einem vielschichtigen Erlebnis.
© Festwochen/Höhn

Wiener Festwochen: Philip Glass’ Oper „Einstein on the beach“ als bilderreiches Klangerlebnis.

Wien – Die Drehbühne ist ein buntes Zwischenreich, halb archaisch, halb futuristisch: Tempel, Höhle, ein rundes Tor in Metalloptik mit einer Art Showtreppe, dazwischen Lavalampen-orange Feuerstellen, Knochen, Pflanzen und Riesen-Screens, bespielt mit fantastischen, sich ständig in sich selbst auflösenden Naturbildern. Bevölkert wird dieses seltsame Eiland, das Regisseurin Susanne Kennedy und Bühnenbildner Markus Selg in die Halle E des Museumsquartiers gespült haben, von einem Stamm gleichsam aus der Zeit Gefallener.

Ihre Welt darf man betreten, das Publikum soll, so Kennedys Idee, Teil des Geschehens werden und sitzend, liegend, umhergehend Philip Glass’ Oper „Einstein on the beach“ erleben. Als „Anti-Oper“ konzipiert, gilt das Werk seit der Uraufführung 1976 in Avignon als einer der Meilensteine modernen Musiktheaters.

Das siebenköpfige Basler Ensemble Phoenix, platziert in einem kleinen Orchestergraben auf der Bühne, der Chor der Basler Madrigalisten, vier Solistinnen und die beeindruckende Geigerin Diamanda Dramm erfüllen, unter der virtuosen Leitung des Dirigenten André de Ridder, Raum und Zeit mit Glass’ minimalistischen melodischen Mustern.

Sechs SprecherInnen, deren lautsprecherverstärkte Stimmen ihnen eine bizarre Abgehobenheit verleihen, wechseln zwischen Bühne und Zuschauerraum, der sich im Lauf der dreieinhalb Stunden zunehmend in Richtung Geschehen leeren wird.

Der anfängliche Verdacht, das Ganze könnte in ein diffus-esoterisches New-Age-Spektakel abgleiten, löst sich schnell auf, zu sehr ziehen Musik und Performance, die Bilderflut und das Menschengewusel in den Bann.

Schließt man die Augen, ist man hingerissen von der leichtfüßigen Präzision der Musizierenden, öffnet man sie wieder, sind es die Farben, Gesten, all die fein ersonnenen Teilchen und nicht zuletzt die kleine, offensichtlich bühnenerfahrene Ziege, die entzücken. Ein bejubelter Festwochen-Höhepunkt. (lietz)