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Alfred Kubin: Traumata und Ängste als Kraftquellen

Alfred Kubin im Wiener Leopold Museum: Eine umfassende Schau beleuchtet Werk und Wesen des Meisters aus Zwickledt.

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Alfred Kubin am Schreibtisch, fotografiert von Emmy Haesele.
© Salzburg Foto Leopold Museum

Von Bernadette Lietzow

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Wien –Nehmen Sie mir meine Angst nicht, sie ist mein einziges Kapital.“ Ob seiner Inhaltsschwere vielzitiert ist dieser Satz, den Alfred Kubin auf dem Sterbebett seinem Arzt gegenüber geäußert haben soll. Albtraumhafte wie reale, die Existenz betreffende Angst und in der Kindheit wurzelnde Traumata sind Lebensbegleiter des 1877 im böhmischen Leitmeritz geborenen und 1959 in Zwickledt (OÖ) verstorbenen Zeichners, Illustrators und Autors des phantastischen Romans „Die andere Seite“. „Bekenntnisse einer gequälten Seele“ lautet folgerichtig der Untertitel einer Ausstellung des Wiener Leopold Museums, das sich Kubins Werk nicht chronologisch nähert, sondern eine Reise durch die „Seelen“-Räume des Künstlers unternimmt.

Reiseführer dieser ausladenden Präsentation sind Direktor Hans-Peter Wipplinger und Psychiater August Ruhs, die 162 Arbeiten Kubins in Dialog zu Werken prägender Einflussgeber und Zeitgenossen, von Francisco de Goya bis Edvard Munch, von Félicien Rops bis James Ensor, setzen.

Merkwürdig im Wortsinn und für das (weibliche) Publikum nicht unspannend ist dieser ausschließlich von männlichen Positionen bestimmte Blick auf das vielfach von Frauen bevölkerte Reich persönlicher Obsessionen, schwarzer Fantasien und von Schreckensgestalten dominierter Traumwelten.

Besonders in den aufgrund ihrer zeichnerischen Wucht atemberaubenden Blättern aus Kubins früher Schaffensphase finden traumatische Erlebnisse wie der frühe Verlust seiner Mutter, der Missbrauchsversuch einer schwangeren Frau in seiner Jugend und das problematische Verhältnis zum Vater ihren Niederschlag.

Kubins Zeichnung „Epidemie“ (1903).
© Zierhofer Hubert

Zudem ist Kubin ein Kind seiner Zeit, geprägt von Sigmund Freud oder C.G. Jung, begeistert von „Geschlecht und Charakter“, der misogynen Schrift Otto Weiningers, für ihn, wie er seinem Freund Fritz von Herzmanovsky-Orlando schreibt, „der größte Mensch des Jahrhunderts“.

All das, Kubins sich künstlerisch bemerkenswert manifestierende Angst-Lust und seine rechtschaffen solide Koketterie mit dem Abgründigen und „Dämmerigen“, seine Freude über „wonnevolle Schauer mystischer Art“, lässt sich im Leopold Museum lohnend nachvollziehen.

Da begegnet in „Das letzte Abenteuer“ von 1901 eine sich entrollende Schlange mit wallendem Haar und Frauenkopf einem behelmten, scheinbar letzten Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg. Hoch zu Schaukel-Ross, mit eng geschnürter Taille und Peitsche, zerstückelt seine „Dame auf dem Pferd“ (um 1900/01) mit den Wiegemesser-artigen Kufen zahlreiche Männerkörper.

Kubin misst sich sichtbar mit den Großen der Vergangenheit. Pieter Brueghel der Ältere oder Hieronymus Bosch zählen in ihrer darstellerischen Perfektion und inhaltlichen Drastik zu seinen Lehrmeistern. Zugleich wird offensichtlich, wie sehr er den Surrealismus eines Dalí ankündigt, wenn man Bildern wie „Hungersnot“ (um 1901) gegenübersteht.

Farb- und Formexperimente, hervorgegangen aus der Entdeckung eines bis dato unsichtbaren Kosmos mittels Mikroskops, kennzeichnen einige beeindruckende Gouachen, die in bizarre Unterwasserwelten, zu Kristallen und allerlei Meeresgetier entführen.

„Ich fand seit jeher unsere Welt durch und durch gespenstig“, schreibt Kubin in „Die Befreiung vom Joch“ aus den 1920er-Jahren. Reich an multiplen Gespenstern und sehr sehenswert ist die dem „Organisator des Ungewissen“ (Kubin über Kubin) gewidmete Ausstellung.


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