Bühne

Wim Vandekeybus im TT-Interview: „Tanz als bewusstes Statement"

Eine einzigartige Bewegungssprache kennzeichnet die Arbeiten von Wim Vandekeybus und seiner Compagnie „Ultima Vez“.
© Filip Claessens

Geburtstag beim ImPulsTanz Festival in Wien 2022: Wim Vandekeybus und seine Formation „Ultima Vez“ feiern mit einer Uraufführung ihr 35-Jahr-Bühnenjubiläum.

Wien – Wim Vandekeybus, 1963 im flämischen Herenthout geboren, revolutionierte als Choreograf, Filmemacher sowie Gründer und Leiter der Compagnie Ultima Vez den zeitgenössischen Tanz. Mit zwei Performances und zwei Workshops ist der Belgier beim Internationalen Tanz-Festival ImPulsTanz in Wien zu Gast. Die TT traf den Künstler zum Gespräch.

Seit 35 Jahren besteht Ihre Compagnie „Ultima Vez“. Nun bringen Sie mit „Scattered Memories“ eine Uraufführung mit nach Wien. Wird diese Performance die Arbeit der vergangenen Jahrzehnte reflektieren?

Wim Vandekeybus: Ja. Ich machte 42 Arbeiten, eine Menge Filme und viele Autor*innen schrieben schöne Texte für mich. Ich kann natürlich nicht die ganze Vergangenheit in eine Show packen – maßgeblich für mich ist es, meine Geschichte einem großen Publikum zu erzählen. Es ist meine Geschichte, die gleichzeitig verknüpft ist mit vielen Menschen, die so viel gemeinsam mit mir gemacht haben. Ich finde es interessant, mit einigen dieser Kolleg*innen erneut zusammenzuarbeiten. In „Scattered Memories“ vermischen sich Ideen für die Zukunft mit Erinnerungen an die Vergangenheit, und der Blick in die Vergangenheit ist manchmal auch schmerzhaft. Aber die Performance ist alles andere als ein Best-of, es ist eine neue Form.

Ihre zweite, nun in Wien gezeigte Produktion, „Hands don’t touch your precious Me“, nennen Sie einen „Dialog zwischen den Welten“. Im Zentrum steht die uralte Hymne einer Priesterin an die zweigeschlechtliche sumerische Göttin Inanna. Was wird das Publikum zu sehen bekommen?

Vandekeybus: Ich liebe alte Geschichten wie „Inanna“. Es ist nicht meine Art, die Zeitung aufzuschlagen und zu sagen, da ist ein Problem, machen wir eine Produktion darüber. Werke müssen kein Spiegel des gesellschaftlichen Lebens sein. Wir müssen zeitloser denken, in mehr Begriffen denken, dann verstehen wir, dass die Menschen in den alten Zeiten viel mehr gesehen haben als wir heute. Inanna ist die göttliche Verkörperung der Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz, ihre Taten spiegeln die Spannungen, mit denen jeder Mensch im Leben konfrontiert ist. Vor mehr als 4000 Jahren wurde diese Geschichte auf Tontafeln geschrieben und gehört zu den ältesten Mythen der Menschheit. Wir erzählen „Inanna“ ohne Text. Alles ist Musik, Sound und Körper, Feuer und Erde.

Was ist der Grund für den erstaunlichen Wandel in der Kunst und den Methoden des Tanzes seit den 1980er-Jahren, speziell ausgehend von Belgien?

Vandekeybus: Es war ein Statement. Wir waren fünf zu Beginn (u. a. Anne Teresa De Keersmaeker, Alain Platel, Jan Fabre, Anm. d. Red.), nicht alle klassisch ausgebildet, viele kamen aus anderen Bereichen und machten unterschiedliche Sachen. Es ging mehr um die Notwendigkeit von Bewegung, von echter Bewegung. Wie wir also damit umgehen, das war das gesamte Konzept. Das ist die Realität. Nun ist viel die Rede davon, dass Tanz Therapie sein kann oder ein Instrument, sich gut zu fühlen. Eine Produktion zu machen, ist jedoch etwas ganz anderes. In einem kreativen Prozess können Konflikte entstehen. Es gibt kein gut oder schlecht, wichtig ist, dass man – auch die junge Generation – etwas aus seinem Inneren heraus kreiert.

Wir erleben gerade einen Krieg in Europa. Inwieweit beeinflusst die augenblickliche politische Situation Ihre Arbeit?

Vandekeybus: Ich glaube, das rüttelt uns alle wach. Wir haben Covid, wir haben den Krieg in der Ukraine, das weckt auf. Was in der Ukraine und in der Welt passiert, ist eine große Lehre, wieder kleiner und bescheidener zu denken.

Das Gespräch führte Bernadette Lietzow

ImPuls Tanz Vienna

Von 7. Juli bis 7. August ist Wien zum 39. Mal Metropole zeitgenössischen Tanzes: Das ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival zeigt 54 Produktionen, darunter 15 Uraufführungen und 23 österreichische Erstaufführungen.

Von der Eröffnung mit dem Klassiker „Vollmond“ von Pina Bausch über Anne Teresa De Keersmaekers mit der Geigenvirtuosin Amandine Beyer erarbeitete Auseinandersetzung mit Heinrich Ignaz Franz Bibers barocken Rosenkranzsonaten bis zur provokanten „Anti-Ballett“-Performance der österreichischen Choreografin Florentina Holzinger spannt sich der Bogen.

Mit Dada Masilo aus Südafrika (Strawinskys „Le sacre du printemps“ auf neue Art), Simon Mayer, dem „Schamanen der heimischen Tanzszene“, oder Trajal Harrell, der Keith Jarretts „Köln Concert“ in Bewegung setzt, sind namhafte (inter-)nationale Größen zu sehen. www.impulstanz.com

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