Erstes Ambraser Schlosskonzert: Adagio für Aufgeweckte
Gunar Letzbor und sein Ensemble „Ars Antiqua Austria“ forschten beim ersten Ambraser Schlosskonzert der Saison nach dem wahren und wahrscheinlichen Klang.
Innsbruck – Aufs Zugeben haben Gunar Letzbor und sein Ensemble Ars Antiqua Austria am Dienstagabend beim ersten Ambraser Schlosskonzert des heurigen Sommers verzichtet. Gut, ein paar Sekunden „Bom-Bom-Bom-Bonanza“ gab es. Und Letzbors Erklärung, dass nach Heinrich Ignaz Franz Bibers dritter Violin-Sonate „eigentlich nichts mehr kommen kann“. Dieser bemerkenswerte Abend klang also mit euphorischem Applaus, aber ohne Zugabe aus. Das war nur folgerichtig. Die hohlen Rituale feinsinnigen Konzertierens spielten schon davor keine wirkliche Rolle.
Feinsinnig war das Konzert trotzdem – nur halt ein bisschen weniger hüftsteif. Mit Ars Antiqua Austria, dem „Ensemble für neue Barockmusik“, ist Letzbor, der bei Harnoncourt und Reinhard Goebel gelernt hat, seit mehr als drei Jahrzehnten auf der Suche nach dem wahren oder wenigstens nach dem wahrscheinlichen Klang. Und der speist sich auch aus dem Drumherum – aus volksmusikalischen Gepflogenheiten zum Beispiel oder den gängigen Gebräuchen der Zeit. Deshalb soll man sich zu Johann Joseph Vilsmayrs erster Partia in A-Dur ein barockes Gelage Hochwohlgeborener vorstellen oder bei Johann Heinrich Schmelzers Ciaccona einen müden Monarchen, der sich Geiger als Einschlafhilfe ins Gemach holt. So jedenfalls erklärt es Letzbor, der nicht nur musikalischer Leiter und Sologeiger ist, sondern auch Conférencier und Erzähler dessen, was sich auch aus dem überlieferten Notenmaterial nur bedingt herauslesen lässt. Ungeübteren Konzertgängern lässt sich dadurch nicht nur fehlgeleitete Ehrfurcht nehmen, sondern auch die Angst, beim dritten oder vierten Adagio tatsächlich kurz einzunicken.
Programmatische Klammer des mit „Geigengeflüster“ überschriebenen Konzerts war der Innsbrucker Jakob Stainer als Lieferant außerordentlicher Streichinstrumente für kaiserliche Hofmusikanten. Zwei der weniger bekannten Werke des Abends – ein Capric(c)io Georg Arnolds und die Sonate „La Vinciolina“ von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli – wurden zudem um 1660 von Michael Wagner in Innsbruck gedruckt. Mit den Kompositionen Giovanni Vivianis, Vilsmayrs und Schmelzers sind sie Etappen einer musikhistorischen Exkursion, die zu Biber, dem österreichisch-böhmischen Violinvirtuosen des 17. Jahrhunderts und einem der Gipfelpunkte in Fragen frühbarocker Rhetorik, führt. Was in dessen sechster Sonate in c-Moll zum Ende der ersten Konzerthälfte bereits anklang, entlud sich in der eingangs erwähnten Sonata Nr. 3: Eskortiert von einer fünfteiligen Continuogruppe – Cembalo/Orgel: Magdalena Hasibeder; Violone: Jan Krigovsky; Zupfinstrumente: Hubert Hoffmann, Jakub Mitrik, Daniel Oman; – schlägt diese Musik Haken. bäumt sich dramatisch auf, bricht ab, macht kehrt und schwingt sich wieder hoch. Beinahe zeitgenössisch klingt das. Modern auf jeden Fall. Neue Barockmusik also. Neu mit großem N. (jole)
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