Regisseurin Constance Meyer: „Wahrhaftigkeit entsteht im Moment“
Die französische Regisseurin Constance Meyer über ihren Debütfilm „Robuste“ und die Rolle, die sie Superstar Gérard Depardieu darin auf den Leib geschrieben hat.
Wie haben Sie Gérard Depardieu für „Robuste“ gewonnen? Sie haben ja schon bei zwei Ihrer Kurzfilme mit ihm zusammengearbeitet.
Constance Meyer: Ich habe Gérard einfach das fertige Drehbuch entdecken lassen. Seine Reaktion war so etwas wie „Es sind zwei einsame Figuren, die in einem Aquarium voller Fruchtwasser schwimmen“. Das ist seine ganz eigene Art, über Drehbücher zu denken. Es ist sehr schwierig, den Film zu erzählen, weil er sehr einfach ist. Es geht nur um die Begegnung zwischen einem berühmten desillusionierten Schauspieler und seiner Leibwächterin.
Der Vergleich zwischen Depardieu und der Figur, die er spielt, drängt sich auf.
Meyer: Er hat natürlich gesagt, „Oh, dieser Typ sieht ein bisschen aus wie ich.“ Aber er hat die Figur nie mit sich selbst in Verbindung gebracht, was ich sehr interessant finde. Natürlich spiele ich mit seiner öffentlichen Persona. Aber es ist kein Biopic über Depardieu. Ich wollte nicht, dass er in einer Art autobiografischem Schauspiel gefangen ist. Sondern dass er George als eine Figur betrachtet, die nicht er ist, auch wenn er ihm ähnlich sieht.
Sie hatten ihn also von Anfang an im Kopf?
Meyer: Der Ausgangspunkt war mein Wunsch, etwas für Déborah Lukumuena und für Gérard Depardieu zu schreiben. Es gab keinen besonders „intellektuellen“ Ansatz. Ich wollte mit ihr arbeiten – und ich wollte wieder mit ihm arbeiten. Und dann kam die Idee, dass sie seine Leibwächterin sein könnte.
Der Film ist auch ein Blick hinter die Kulissen der Filmwelt?
Meyer: Nun, ich war schon immer ziemlich amüsiert, was da dahintersteckt. Die Entstehung eines Films ist ein verrückter Prozess und sehr intensiv. Und es gibt dem Film eine komische Dimension und fühlte sich ganz natürlich an.
Der Regisseur im Film ist also nicht so wie Sie?
Meyer: Das Lustige ist, dass mein Mann diese Figur spielt. Er ist Theaterschauspieler an der Comédie-Française. Als ich ihm gesagt habe, dass ich ihn für diese Figur besetzen will, haben wir uns einen Spaß daraus gemacht, alle Bühnenregisseure und Filmregisseure zu karikieren, die wir kannten. Ich gehöre ja auch in diese Kategorie. Manchmal sind wir so sehr von dem beseelt, was wir sagen, dass wir eben ein bisschen seltsam klingen.
Zur Person
Constance Meyer, Jahrgang 1984, ist Regisseurin und Produzentin. Sie studierte in New York und assistierte Claude Chabrol und Luc Bondy. „Robuste“ ist ihr erster Spielfilm. Er lief beim Festival in Cannes.
Der Film hält eine wunderbare Balance zwischen den Ähnlichkeiten und den unterschiedlichen Hintergründen der beiden Figuren. Was hat Sie daran interessiert?
Meyer: Die beiden Figuren stehen sich zunächst wie Fremde gegenüber. Aber weil sie eine gewisse Zeit miteinander verbringen, entsteht, ohne dass sie es wollen, eine Form von Intimität. Sie sind in der Lage, einander zuzuhören und ihre Perspektive auf sich selbst und die Welt zu ändern.
Die Figuren wirken auch etwas geheimnisvoll.
Meyer: Ich mag Charaktere sehr gern, die geheimnisvoll sind! Wir alle sind ziemlich geheimnisvoll, sogar für uns selbst. Das Wissen um die Hintergrundgeschichte trägt nicht unbedingt dazu bei, dass eine Figur wahrhaftiger ist. Die Wahrhaftigkeit ist etwas, das eher im Moment entsteht.
Die Leidenschaft der Leibwächterin ist der Ringkampf. Gibt es da eine Ähnlichkeit mit der Schauspielerei?
Meyer: Auf jeden Fall! Man steht vor jemandem und versucht, seine Gefühle und seine Taktik einzuschätzen. Ich habe mit Déborah trainiert und über diese Choreographie gesprochen. Es war mir völlig egal, ob es realistisch ist. Wichtig war mir die Sinnlichkeit, ihr Aussehen und die Art, wie sie sich bewegt und wie frei sie sich in dieser Rolle fühlt.
Nicht nur die Kampfszenen im Film sind sinnlich.
Meyer: Die Liebesszenen zwischen Déborah und Lucas, der ihren Freund spielt, haben wir extra vorab an zwei Nachmittagen geprobt und choreographiert, damit sie sich in einem sicheren Rahmen ohne die ganze Crew und die Kameras kennen lernen konnten. Ich habe versucht, spielerisch vorzugehen und nicht zu starr zu sein, weil es sowieso schon stressig ist, jemanden vor der Kamera zu küssen.
Der Titel „Robuste“ spielt auf die Körperlichkeit beider Hauptdarsteller an, ohne dass es im Film wirklich Thema ist.
Meyer: Das hat sich während des Schreibens herauskristallisiert, weil es um zwei Figuren geht, die eine gewisse Körperlichkeit teilen, obwohl sie sehr unterschiedlich sind. Aber es war nicht so, dass ich mich absichtlich dem Thema „body positive“ genähert habe. Ich fand einfach, dass Déborah schön aussah. Und ich wollte sie und ihren Körper und ihr Bild glorifizieren. Aber ich wollte nicht, dass es eine sehr politische Sache wird.
🎬 Trailer | „Robuste“
Und Depardieu?
Meyer: Ich habe versucht, die beiden auf dieselbe Weise zu filmen. Ich wollte keinen Unterschied machen. Seine Figur ist sehr von der Idee des Todes beseelt, mit seinen Herzproblemen. Die Leibwächterin Aïssa repräsentiert das Leben und die Jugend. Die Begegnung führt ihn zu dem zurück, was ihn am Leben hält, nämlich die Kunst und die Schauspielerei.
In Österreich gibt es gerade zum ersten Mal eine breite Diskussion über MeToo in der Filmwelt, die in Frankreich schon vor Jahren begann. Wie ist die Situation dort und hat sich etwas verbessert?
Meyer: Es gibt noch viel zu tun, aber die Leute fangen an, ihre Meinung zu sagen und trauen sich, schlechtes Verhalten klar anzusprechen. In Frankreich haben wir dieses Kollektiv namens „Cinquante Cinquante“, also 50/50, das sich für mehr Diversität und und mehr Chancen für Regisseurinnen einsetzt. Das ist großartig, dass sich das alles ändert.
Das Gespräch führte Marian Wilhelm
„Robuste: Zärtliches Drama mit Seitenhieben
Georges (Gérard Depardieu) ist Filmstar, aber mittlerweile eher am Altenteil angekommen. Entsprechend wenig optimistisch blickt der einst umjubelte Leinwandgott in die Zukunft. Er bekommt die Ringerin Aïssa (Déborah Lukumuena) als Leibwächterin zugeteilt. Deren Aufgabe ist es allerdings nicht, Georges vor Angriffen zu schützen, sondern vor sich selbst.
Die pragmatische Frau erweckt in Georges wieder den Lebensmut. So schwierig der Start erscheint, entwickelt sich zwischen dem gewichtigen Schauspieler und der jungen Aïssa eine Freundschaft, in der sich die beiden zur Wahlfamilie werden.
Debütregisseurin Constance Meyer legt mit „Robuste“ ein zärtliches Drama mit ruppigen Charakteren und einigen süffisanten Seitenhieben auf Frankreichs Filmbranche vor.
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