Caritas

Mit viel Herzblut, Können und Geld gegen die Not in Armenien

Die Tiroler Caritas-Delegation im Gespräch mit Kriegsvertriebenen, denen würdiges Wohnen ermöglicht wird.
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Die Caritas der Diözese Innsbruck engagiert sich seit Jahren in Armenien. In vielen Projekten wird für Wärme, Essen, Bildung und Inklusion gesorgt.

Von Helmut Mittermayr

Jerewan – Möchte man in vereinfachten Bildern denken, dann würden die Armenier zu den geschlagenen Völkern dieser Welt zählen. Verzagt sind die Menschen trotzdem nicht, aber die geopolitischen Rahmenbedingungen erschweren das wirtschaftliche Fortkommen immens. Der kleine Staat im Kaukasus schafft es angesichts globaler Konfliktherde auch kaum über die Wahrnehmschwelle in Europa.

Gemeinsames Lernen in einer inklusiven Schule.
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Nachbarn kann man sich ja nirgendwo aussuchen, aber sowohl die Türkei als auch deren turksprachiger „Cousin“ Aserbaidschan haben die Grenzen zu Armenien seit Jahren geschlossen. Die Türkei weigert sich bis heute, den Genozid anzuerkennen, bei dem der heutige Osten Anatoliens vom Osmanischen Reich „armenierfrei“ gemacht wurde. Zudem hat Aserbaidschan die größenteils von Armeniern bewohnte Enklave Berg-Karabach vor zwei Jahren mit modernster türkischer Drohnenbewaffnung angegriffen – und diesen Krieg auch gewonnen. Verluste an Gebieten, an Menschen und an Selbstwert sowie Zukunftsängste und Traumata waren und sind die Folge im kleinen Land am Kaukasus. Noch gibt es keinen Friedensvertrag, vieles ist offen. Der Nachbar Iran lässt die Armenier zumindest in Ruhe, das christliche, nördlich gelegene Georgien verhält sich neutral. Russland ist die Schutzmacht Armeniens, was das äußerst fragile Verhältnis zu den Nachbarn teils nicht besser macht. Die ehemalige sowjetische Teilrepublik leidet zudem noch immer unter der über Jahrzehnte indoktrinierten kommunistischen Denkweise – dass nämlich der Staat alles ist (und macht). Eigeninitiative muss oft erst wachsen. So harren etwa in der zweitgrößten Staat Gyumri noch immer Opfer des großen Erdbebens von 1988 in Notunterkünften aus. Seit 34 Jahren sind sie teils in ausrangierten Eisenbahnwagons untergebracht, weil der Staat nicht zur Hilfe kommen kann. Im Sommer „verglühen“ sie dort fast, im Winter ist die Kälte kaum zu ertragen.

Wohnen in purer Armut.
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In Armenien leben drei Millionen Menschen. Weltweit befinden sich bis zu sieben Millionen in der Diaspora. Die meisten in Russland, wohin vor allem die Männer gehen, um sich als Hilfsarbeiter zu verdingen. Zurück bleiben halbleere Dörfer mit Frauen, Kindern und alten Menschen. Die Armut im Land ist enorm. Trotzdem wurden Hunderttausende Flüchtlinge aus dem Syrien-Krieg aufgenommen.

Wer in der Hauptstadt Jerewan entlang der zentralen Promenaden schlendert, könnte ein anderes Bild bekommen. Eine reiche Großstadt, die alles bietet. Und der Eindruck stimmt. Die Prosperität endet abrupt, wie mit einem Zirkel gezogen, zehn Kilometer vom Hauptplatz entfernt. Ab dort leben viele wie in Europa vor 100 Jahren. Kein Tiroler möchte tauschen.

Aber wann immer es Menschen nicht gut geht, kommt die Caritas mit ihrem Kernauftrag „Not zu sehen und zu handeln“ ins Spiel. In Armenien vor allem die Caritas der Diözese Innsbruck. Neben Dauerhilfen in Mali, Burkina Faso und dem rumänischen Bezirk Satu Mare haben sich die Tiroler „Hayastan“ auf Grund der besonderen Bedürftigkeit ausgesucht. Bei einem Lokalaugenschein vor wenigen Tagen, an dem Caritas-Direktorin Elisabeth Rathgeb, Projektverantwortliche Elisabeth Haun und Fritz Staudigl, Leiter Außenbeziehungen des Landes Tirol, teilnahmen, wurde das umfangreiche Hilfspaket ersichtlich. Bei den verschiedenen Projekten für Kinder, alte Menschen, Kriegsvertriebene oder Menschen mit Behinderungen wurden zwei Aspekte augenscheinlich: einerseits die ausgewiesene Professionalität der armenischen Caritas-MitarbeiterInnen, die teils mehrfache Studienabschlüsse einbringen, und andererseits die Liebe zu den Menschen, die in all ihrem Tun spürbar ist.

Für Seniorinnen wird ein tägliches Mittagessen samt Wärmestube organisiert.
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„Mir geht die Reise nach. Ich habe diese Armut nicht erwartet“, erklärt Elisabeth Rathgeb. Ihr geht etwa eine Mutter mit sieben Kindern nicht aus dem Kopf, die vor dem Krieg flüchten und alles zurücklassen musste. „Aber nachdem ich gesehen habe, dass hier Hoffnung und Gerechtigkeit geschaffen werden, bin ich auch voll motiviert nach Hause gekommen.“ Die Caritas-Projekte würden greifen und weiter voll unterstützt. „Und nach Möglichkeit noch ausgebaut“, sagt Tirols Caritas-Chefin. Sie hat auch eine Kontonummer zur Hand, womit direkt geholfen werden könnte – Caritas Diözese Innsbruck, Kennwort Armenienhilfe, IBAN AT79 3600 0000 0067 0950.

Das Land Tirol stellt jährlich beträchtliche Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung. Auch wenn alles penibel geprüft wird, „habe ich mit Genugtuung und Freude starke Eindrücke bekommen, wie toll und professionell hier gearbeitet wird“, sagt Fritz Staudigl. Ihm gibt das „Eingesperrt-Sein Armeniens mit den bekannten Nachbarschaften“ zu denken. Elisabeth Haun, Armenien-Verantwortliche der Caritas Innsbruck, kennt die Zahlen: „Von 2012 bis 2021 gab es 2,273.000 Euro an Projektmitteln für Armenien. Im Jahr 2021 waren es 351.000. Die Mittel setzen sich aus privaten Spenden und öffentlichen Geldern – EU, Österreichische Entwicklungszusammenarbeit, Land Tirol – zusammen.“ Der Wechselkurs (schwacher Euro und starke Armenischer Dram) bringt aktuell die Finanzierbarkeit der Projekte ins Wanken, beklagt Gakik Tarasyan, Direktor der Caritas Armenien.

Die Projekte selbst sind getragen von echten Kämpferherzen der Caritas-Angestellten Armeniens – vor allem Frauen mit höchstem sozialwissenschaftlichem Ausbildungsniveau – und von Empathie und Zuneigung zu den Umsorgten. So wird etwa Kriegvertriebenen ohne Job ein touristischer Bildungsweg, ähnlich der Villa Blanka in Innsbruck, ermöglicht. Inklusion läuft in Armenien gerade erst an. Infrastruktur und pädagogische Ausbildung dafür fehlen im ganzen Land. Aber die Caritas ist nicht nur dabei, sondern mittendrin und hilft beim Aufbau. Mehrere Kinderhilfsprojekte wie „Haus Sabine“ oder „Der kleine Prinz“ vermitteln echte Geborgenheit und Fortbildung. Bebenopfer bekommen Sanitäranlagen in Notunterkünften. Essen und „warme Winter“ für Mittellose und Betagte wird seit Jahren organisiert. Alle laufenden Projekte aufzuzählen, ist nicht möglich. Hunderten wurde geholfen.

Lusine Stepanyan von der Caritas in Jerewan hat angesichts des militärichen Angriffs auf ihr Land auch eine politische Botschaft. Sie wünscht sich, dass Europa bei Armenien genauso gut hinschaut wie bei der Ukraine. Viel Leid hätte dadurch verhindert werden können, ist sie sich sicher.

Armenien punktet außerhalb der Städte mit landschaftlicher Schönheit.
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