Literatur

„Verfluchte Neuzeit": Die Freiheit als Wurzel allen Übels

Aufbegehren gegen die „verfluchte Neuzeit“: Am 6. Jänner 2021 stürmten Trump-Anhänger das Kapitol in Washington.
© AFP/Getty/McNamee

Karl-Heinz Ott zeichnet die Geschichte reaktionären Denkens nach.

Innsbruck – Dass einem das Neue bisweilen zu viel werden kann, ist nur verständlich. Vor allem dann, wenn man sich eingerichtet hat in einer vergleichsweise überschaubaren, schön geordneten Welt. Kommt diese Welt in Unordnung, weil der Raubbau an natürlichen Ressourcen irreversible Folgen zeitigt zum Beispiel oder manche Menschen den gängigen Männlein-Weiblein-Dualismus als Beschränkung empfinden, wird gepoltert, getobt – und zurückgeschlagen. Fortschrittsverlierer und solche, die Verluste vorerst nur befürchten, fordern lautstark bis rabiat ein Zurück zur alten Ordnung. Theoretisch unterfüttert ist das Aufbegehren selten. Selbst den Idolen und Hoffnungsträgern der Reaktion – den Putins, Trumps und Orbáns dieser Welt – mag man kein belastbares geistesgeschichtliches Fundament ihrer Positionen unterstellen. Jedenfalls auf nicht auf den ersten Blick. Deshalb lohnt der zweite.

Karl-Heinz Ott.
© Hassiepen

Der deutsche Autor und Essayist Karl-Heinz Ott ist ein Meister dieses zweiten Blicks. Er interessiert sich weniger für grelle Oberflächen, die Tweets oder den propagandistischen Neusprech. Er sucht die, die den Boden dafür bereitet haben. Mit „Verfluchte Neuzeit“ hat Ott eine „Geschichte des reaktionären Denkens“ vorgelegt. Vielleicht verspricht der Untertitel ein bisschen zu viel. Oder das Falsche: Ott hat keine trocken-chronologische Studie geschrieben, sondern kurze Kapitel elegant zu einem Großessay verflochten. So durchwandert er die Denkgebäude von Gelehrten, die – auch wenn die konservativen Autokraten der Gegenwart nie von ihnen gehört haben dürften – den Boden für ihre Politik bereitet haben. Denker wie den vor den Nazi in die USA geflüchteten Leo Strauss (1899–1973), der im Liberalismus der Neuzeit, der Lösung aus dem religiösen Koordinatensystem und der mit dieser neuen Freiheit einhergehenden Feier von individueller und individualistischer Vernunftanwendung den Anfang allen Übels sah. Von Strauss stammt auch das Konzept der „noblen Lüge“, die es Staatenlenkern ermöglichen soll, müßige Diskussionen zu umschiffen. Wenn es gilt, die Relativismen der Neuzeit mit vermeintlich ewigen Wahrheiten zu bekämpfen, kann man schließlich – der Zweck heiligt die Mittel – nicht bei der Wahrheit bleiben.

In ihrer Studie „Radikalisierter Konservatismus“ hat die österreichische Politologin Natascha Strobl 2021 am Beispiel von Trump und Sebastian Kurz neue Formen des pseudorevolutionären Autoritarismuses analysiert. Karl-Heinz Ott liefert mit „Verfluchte Neuzeit“ den theoretischen Überbau dazu: ein verblüffendes, ein an- und ein aufregendes Buch. (jole)

Sachbuch

Karl-Heinz Ott: Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens. Hanser, 430 Seiten, 26,80 Euro.

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