Großbritannien

Hintergrund: Rechtsruck der Tories im Kampf um Johnsons Erbe

Hardlinerin Truss möchte künftig in 10 Downing Street residieren.
© AFP/Tallis

Nach der Ära Johnson rücken die regierenden Konservativen noch weiter nach rechts. Der Kurs gegenüber der EU wird härter.

Von Christian Jentsch

London – Im Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson als Parteichef der Tories und britischer Regierungschef hat sich das Bewerberfeld bei den Konservativen auf zwei Kontrahenten reduziert. Ex-Finanzminister Rishi Sunak und Außenministerin Liz Truss haben sich in mehreren Wahlgängen innerhalb der konservativen Parlamentsfraktion durchgesetzt und den Einzug in die Stichwahl geschafft. Nun sind die rund 160.000 Parteimitglieder – es gibt nur ungefähre Schätzungen, wie viele Mitglieder die Tories genau haben – am Zug. Nach dem innerparteilichen Wahlkampf über den Sommer entscheiden sie per Briefwahl, wer künftig die Tories und damit Großbritannien führen soll. Rund 160.000 Parteimitglieder entscheiden also über die Zukunft von rund 65 Millionen Briten, über die Zukunft des von Zerfall bedrohten und von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen gegeißelten Vereinigten Königreichs. Wobei eines klar ist: Die Tory-Basis ist alles andere als repräsentativ für die gesamte britische Wählerschaft. Sie verkörpert die konservative, besser situierte Mittelschicht, die mehrheitlich für den Brexit votiert hat. Bei Wahlen würden die Tories derzeit nach der skandalumwitterten Regierungszeit von Boris Johnson eine herbe Niederlage einfahren und müssten der oppositionellen Labour-Partei den Vortritt lassen. Doch von Neuwahlen ist bei den mit absoluter Mehrheit regierenden Konservativen keine Rede.

Vielmehr geht es um die personelle Neuaufstellung der Partei nach der Ära Johnson. Ex-Finanzminister Sunak und der selbst ernannte Thatcher-Klon, Außenministerin Liz Truss, sind nur auf dem Papier so genannte Parteifreunde. Im Kampf um den Parteivorsitz und den Einzug in 10 Downing Street – den Regierungssitz – sind sie erbitterte Feinde und liefern sich eine Schlammschlacht jenseits aller britischen Noblesse. Wobei eines auch bei den ausgeschiedenen Kandidaten rasch klar wurde: Die Tories sind weit nach rechts gerückt. Dabei es geht nicht nur um die klassischen konservativen Forderungen nach einem möglichst schlanken Staat und möglichst niedrigen Steuern jenseits der geschmähten Umverteilungspolitik, sondern auch um die Beziehungen zu Europa. Nachdem Johnson den Brexit durchgeboxt hat, steht die Abkehr von Europa nicht mehr zur Diskussion. Ganz im Gegenteil: Der Kurs gegenüber der EU wird härter werden. Besonders die einstige Brexit-Gegnerin Truss inszeniert sich als überzeugte Hardlinerin, auch gegenüber Brüssel. Doch auch der indischstämmige frühere Hedgefonds-Manager und Ex-Finanzminister Sunak, der als moderater Vertreter der Tories galt, sucht sein Glück im Flirt mit dem rechtskonservativen Flügel der Partei.

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