Bezirk Schwaz

Steudltenn-Festival: Auch im Spiel spielt sich nicht alles

Der Versuch, frühere Fehler nicht noch einmal zu machen, kann drastische Folgen haben: Manuel Witting in „Biografie: Ein Spiel“.
© Sabine Hauswirth

Max Frischs „Biografie: Ein Spiel“ führt beim Steudltenn-Festival vor, dass es gar nicht so einfach ist, ein Buch von hinten zu lesen.

Uderns – Es sei einfach, ein Buch von hinten zu lesen. Das hat man in den vergangenen zweieinhalb Jahren immer wieder gehört. Zumeist wenn es galt, politische Entscheidungen zu rechtfertigen, die spätestens im Nachhinein fragwürdig anmuten. Max Frisch, der einst weltberühmte, seit seinem Tod 1991 als moderner Klassiker etwas in Vergessenheit geratene Schweizer Dramatiker, hat solchem Binsen-Sprech immer misstraut. Mit „Biografie: Ein Spiel“ hat er ein ganzes Stück darüber geschrieben, dass auch das Wissen um das Ende einer Geschichte nicht vor fatalen Abwegen bewahrt.

Oder besser gesagt: Frisch hat ein Stück geschrieben – 1967 in einer ersten und 1984 in einer zweiten, weniger zeitgeistigen Fassung –, das dieses Was-wäre-wenn durchspielt: Was, wenn man in entscheidenden Moment anders entschieden hätte? „Biografie: Ein Spiel“ ist auch Theater, das über Theater als Möglichkeitsraum nachdenkt: Ein Mann macht in seiner zweiten Ehe die Wurzel seines Unglücks aus. Ein Spielleiter offeriert ihm – dem Professor und Verhaltensforscher – die Möglichkeit, wenigstens im Spiel alles anders und manches besser zu machen. Zwei Assistenten achten darauf, dass die Anschlüsse stimmen. Für den Mann ist die Erfahrung ernüchternd. Er macht zwar nicht dieselben Fehler, aber alles in allem die gleichen. Die erhoffte „Biografie ohne Antoinette“ jedenfalls spielt sich nicht. Auch weil Antoinette Variante um Variante an Profil gewinnt – und von der dramatischen Funktion zur Figur wird. Gerade für Frisch, dessen Frauenfiguren nicht nur aus heutiger Sicht problematisch sind, eine beachtliche Entwicklung, die dem Stück ein verblüffendes Finale ermöglicht.

In einer Inszenierung von Hakon Hirzenberger ist „Biografie: Ein Spiel“ derzeit beim Zillertaler Steudltenn-Festival zu sehen. Die Vorlage wurde effektiv und durchaus effektvoll verdichtet – und auf großes Ausstattungsspektakel (Bühne: Erich Uiberlacker und Gerhard Kainzner; Kostüme: Andrea Bernd) verzichtet: Eine Sofalandschaft verortet das ausgestellte Gedankenspiel in vager Bürgerlichkeit. Es nimmt langsam Fahrt auf. Manuel Witting spielt den Verhaltensforscher als saturierten Wichtigtuer, dessen Selbstbewusstseinsfassade bröckelt. Runa Schymanski legt als Antoinette – wie ihre Figur – in kleinen Verschiebungen an Format zu. Andreas Braunshör gibt einen präzisen, nie karikaturesk überzeichneten Spielleiter. Lisa-Lena Tritscher und Thomas Frank sorgen als Assistenten und in wechselnden Kleinrollen für tragikomisches Spiel-im-Spiel. Kurzum: „Biografie: Ein Spiel“ ist ein kurzweiliger Versuch, eine Geschichte, die sich nie kontrollieren ließ, neu zu schreiben. Am Ende weiß man zwar nichts besser, aber man hat das Gefühl, trotzdem etwas gelernt zu haben. (jole)

🎭 Biografie: Ein Spiel. Bis 6. August. Nächste Vorstellung: Heute, 22. Juli. Beginn: 20 Uhr.

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Angela Dähling

Angela Dähling

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