Oper

„Sibirien“ bei den Bregenzer Festspielen: Wie eiskalt sind diese Gefühlsstürme!

Giordanos „Sibirien“ im Festspielhaus in Bregenz ist ein Theater der Rückblenden und Erinnerungen.
© Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Ein großes Historiengemälde wird mit der Gegenwart verknüpft: Umberto Giordanos Oper „Sibirien“ bei den Bregenzer Festspielen.

Von Jörn Florian Fuchs

Bregenz – Ausnahmsweise zitieren wir jetzt mal Wikipedia, denn dort heißt es beim Beitrag über Umberto Giordanos Oper „Sibirien“, das Publikum habe die Uraufführung 1903 an der Mailänder Scala trotz erstklassiger Besetzung „frostig“ aufgenommen. Also, im Bregenzer Festspielhaus gab es auch eine Spitzenbesetzung und die Premierengäste reagierten hitzig, mit geradezu wütendem Beifall. Woran mag es liegen? Vielleicht an der zielgenauen, uneitlen, erzählenden Inszenierung von Vasily Barkhatov? Oder an der grobschlächtigen, von Szene zu Szene hetzenden Musik Giordanos, die trotz des Knallens und Auftrumpfens eben doch berührt, zumal wenn ein toller, zugleich wild wie sensibel agierender Dirigent wie Valentin Uryupin am Pult der Wiener Symphoniker steht? Vermutlich macht es die Mischung und vielleicht der Umstand, dass nach dem Unwetter-Absagedebakel bei „Madame Butterfly“ am Vorabend nun endlich ungestört eine große Oper zu erleben war.

„Sibirien“ erzählt von der einst un(frei)willig als Prostitutierte tätigen Stephana (Ambur Braid mit gleißendem Melos), die sich aus dieser Vergangenheit in bessere Kreise vorgearbeitet hat. Ein Fürst (mit würdevollem Wüten: Omer Kobiljak) liebt sie, aber sie möchte den schneidigen jungen Offizier Vassili (Alexander Mikhailov mit geschmeidigem, manchmal etwas dünnem Timbre). Vassili verletzt den Fürsten, dieser versetzt ihn nach Sibirien, Stephana folgt ihm nach, ihr einstiger Zuhälter taucht auch noch auf, bei einem Fluchtversuch stirbt Stephana.

Vladimir Barkhatov verlegt die Handlung aus dem frühen 19. Jahrhundert in spätere Zeiten und verknüpft ein großes Historiengemälde mit der Gegenwart. Und zwar indem er eine alte Frau – das Kind von Stephana und Vassili – auf die Suche nach ihren Eltern schickt. So entsteht ein Theater der Rückblenden, Erinnerungen, Überlappungen von Spiel-ebenen. Es funktioniert prima, auch wenn die Grundidee nicht gerade neu ist, hier in Bregenz passt sie. Erweitert wird das Ganze noch durch Filmeinspielungen. Christian Schmidt hat die alten und neueren Räume mit Liebe zum Detail ausgestattet, auch die Kostüme (Nicole von Graevenitz) stehen den Protagonisten in ihren jeweiligen Situationen.

Witzigerweise verdrängte „Sibirien“ 1903 in Mailand „Madame Butterfly“ vom Spielplan der Scala, Letztere war nämlich eigentlich als Uraufführung geplant und musste noch etwas warten. In Bregenz ist es nun umgekehrt.

Sibirien. Festspielhaus Bregenz, nächste Vorstellung: Sonntag, 24. Juli, 11 Uhr. Infos und Tickets: www.bregenzerfestspiele.com

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