„Tristan und Isolde“ in Bayreuth: Paare und Passanten im Videogeflimmer
Die Bayreuther Festspiele starten mittelprächtig, aber heftig beklatscht mit „Tristan und Isolde“.
Von Jörn Florian Fuchs
Bayreuth – Nimmt man die Publikumsreaktion als Maßstab, so war dies vielleicht die beste Premiere der Saison. Nach jedem Aufzug herrschte Jubel und Fuß-Getrampel. Am Ende gab es kein Halten, schon in die letzten Töne hinein begann das Klatschen. Wer genau hinhörte, erkannte wenige Buhs für Tristan-Tenor Stephen Gould, aber es waren möglicherweise nur missverstandene Jubelrufe.
Handelt es sich bei dieser Bayreuther Festspieleröffnung tatsächlich um eine Sensation? Eher weniger. Geboten wird eine Sängerbesetzung, die solide ist. Erwähnter Stephen Gould schmettert eindrucksvoll eindringliche Kantilenen, die oft messerscharf beginnen und manchmal wabbelig-tremolierend enden. Catherine Foster verkörpert eine vokal wie gestisch fast ständig unter Starkstrom stehende Isolde, mit einschlägigen Trompetentönen, die leider öfters ins Scharfe oder, freundlicher formuliert, Überakzentuierte gehen. Den Text versteht man praktisch nicht. Wie solch gestandenen Künstlern plötzlich ihre Gabe zu deutlicher deutscher Diktion abhandengekommen ist, bleibt ein Rätsel. Die kleinen, feinen Partien sind exzellent besetzt, vor allem mit Georg Zeppenfeld als König Marke und Markus Eiche als Kurwenal.
Was dem recht kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Markus Poschner gelingt, ist eine sehr gute Verzahnung zwischen Graben und Bühne. Es ist ein Sturm-und-Drang-Konzept, das Poschner da umsetzt, und auch Regisseur Roland Schwab zeigt viel Aufgepeitschtes im Innenleben der Protagonisten. Nur verliert sich die Inszenierung leider häufig im Händeringen und Verzweifelt-am-Boden-Liegen oder Augenrollen – muffige Standardgesten aus alten, schlechten Opernzeiten.
Hinzu kommt eine über drei Aufzüge dann doch nervende Bühne (Piero Vinciguerra). Oben sind Wolkenprojektionen oder ein Sternenhimmel, unten Wasser, Wellen, Blut, sich drehende Kreisel, weißes Rauschen – je nach Stimmung. Das bleibt alles Dekor und wirkt in seiner einhämmernden Wiederholung unangenehm aufdringlich.
Zwei Ideen hat die Regie und eine trifft: Tristan wird bei der Begegnung mit Isolde quasi vom Blitz getroffen, er trägt eine Art Brandwunde (auf seinem T-Shirt). Melot muss ihn später gar nicht mehr verletzen, Eros macht hier die Arbeit von ganz allein.
Die zweite Sache: Am Anfang sieht man ein junges verträumtes Paar. Später läuft ein älteres durch die Szenerie und zum Schluss von Isoldes Liebestod schleppt sich ein Greisenpaar in Richtung Publikum. Dies mag als Hoffnungsschimmer zu deuten sein, es gibt eben auch Paare, deren Liebe lange hält. Allerdings, gerade davon erzählt ja Wagners Oper, für Tristan und Isolde gilt das eben nicht.
So bleibt dieser Bayreuther Auftakt eine mittelmäßige Sache mit ein paar schönen Momenten, keinerlei Provokation und wenigen Denkaufgaben.
Eine leichte Spannung gab es, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nebst Gattin ins Blitzlichtgewitter der Adabei-Presse eintauchen wollte und just in diesem Moment die Gottschalks erschienen. Schwupps waren die Kameras auf den unverwüstlichen Entertainer und seine Frau gerichtet. Allen vieren hat der Abend übrigens, wie später zu hören war, außerordentlich gut gefallen. Na denn!