Salzburger Festspiele

„Herzog Blaubarts Burg“: Ein großes Salzburger Welttheater

In Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ schleppen sich Judith (Ausrine Stundyte) und Blaubart (Mika Kares) durch düstere Räume.
© SF/Rittershaus

Romeo Castellucci und Teodor Currentzis verschränken wundersam Béla Bartók und Carl Orff bei den Salzburger Festspielen.

Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – Das vermeintlich Wichtigste zuerst: Ja, es gab Proteste – und zwar heftige. Die Polizei hielt ein Rudel Demonstranten in der Hofstallgasse in Schach, über selbiger schwirrte eine Drohne. Also doch. Dass es Widerstand gegen den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis geben würde – man konnte oder musste damit rechnen. Nervös und verärgert schlich Intendant Markus Hinterhäuser vor den Festspielhäusern herum, die Stimmung war angespannt.

Manchmal hilft es indes, einmal genauer nachzufragen, etwa bei den Ordnungshütern. Rasch ist die Causa aufgeklärt: Es waren einzig und allein Gegner der Corona-Maßnahmen (die just praktisch abgeschafft wurden), dazu herrscht auch noch Wahlkampf ums Bundespräsidentenamt.

In der Felsenreitschule hingegen keinerlei Unmut gegenüber Currentzis oder irgendjemanden an diesem gut dreieinhalbstündigen, sehr fordernden Abend. Teodor Currentzis und der für Regie, Bühne, Kostüm und Licht verantwortlich zeichnende Romeo Castellucci koppelten Béla Bartóks oft gespielten Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ mit Carl Orffs Opernoratorium „De temporum fine comoedia“, uraufgeführt 1973 bei den Salzburger Festspielen unter Leitung eines gewissen Herbert von Karajan (die Inszenierung besorgte August Everding), seither kaum noch auf den Spielplänen präsent. Dies mag vor allem an der aufwändigen Besetzung liegen. Mit riesigem, elaboriertem Schlagwerkapparat, großem Blech und üppigen Chorpartien erzählt Orff in seinem letzten Bühnenwerk auf Deutsch, Latein und Altgriechisch von den letzten Dingen.

Sibyllen warnen vor dem Ende der Zeiten und mahnen die Ungläubigen zur Umkehr, während eine Gruppe Anachoreten auf die Allgüte Gottes verweist. Tatsächlich bricht die Endzeit an, mit szenischem Wüten und vielen auch musikalischen Plagen. Dann tritt Lucifer auf, zeigt Reue und es entsteht ein umfassender (T)Raum von Versöhnung und Erleuchtung.

Was Orff den Musikern und Sängern rhythmisch und spieltechnisch abverlangt, geht weit über seine früheren Werke hinaus, er verwendet Selbstzitate, integriert Stil-Anverwandlungen unterschiedlichster Herkunft, lässt die Orgel und zahllose exotische Instrumente aufbrausen und klappern, verfugt Chor und Orchester auf eigenwillige, komplexe Weise, kreiert die unterschiedlichsten Farbmischungen.

Teodor Currentzis, das Gustav Mahler Jugendorchester sowie der musicAeterna Choir und der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor sorgen für eine perfekt ausbalancierte Aufführung.

Und Romeo Castellucci? Er zeigt ein spirituelles Spektakel, mit Choristen in „Nacktkostümen“, über denen ein riesiges Tuch hängt, auf dem „Meine Haut“ steht, lässt einen Baum-Torso rituell bearbeiten, bringt die gewaltigen, manchmal auch gewalttätigen Massen von Gläubigen und Ungläubigen in Form und Struktur, wobei ihm auch die brillante Choreographie Cindy Van Ackers hilft. Vielleicht war kein Musiktheater von Castellucci bisher derart ernsthaft spirituell und, was die Erlösungshoffnung betrifft, so ungebrochen. Trotzdem fehlt alles missionarisch Eifernde.

Wie aber passt dies alles nun mit Bartóks „Blaubart“ zusammen? Szenisch, logisch sehr gut, weil am Ende der „Comoedia“ auch der düstere Herrscher und Judith hinzukommen und am Erlösungsgeschehen teilnehmen. Vorher schleppten sie sich durch düstere Räume, in denen es viel Wasser, aber auch brennende Skulpturen gab. Castellucci zeigt hier ganz die Perspektive Judiths, einer traumatisierten Frau, die möglicherweise ein Kind verloren, getötet hat oder sich eines ersehnt. Man hört anfangs Babygeschrei, sieht später mehrfach einen kleinen Körper, doch Castellucci belässt es bei Andeutungen.

Ausrine Stundyte (die später auch ein Orff’sches Alt-Solo meisterhaft singt) geht vokal und gestisch ganz in ihrer Rolle auf, Mika Kares ist ein szenisch zurückhaltender, musikalisch dafür um so expressiverer Blaubart. Christian Reiner überzeugt in einem feinen Monolog zum Bartók-Beginn und später als Lucifer bei Orff.

Die erste Festspielpremiere ist auf eigensinnige, wundersame Weise geglückt – ein allen viel abverlangendes, aber sehr lohnendes großes Salzburger Welttheater.