EU erwartet weiteren Rückgang russischer Gaslieferungen, Kreml widerspricht
Die EU rechnet damit, dass Russland seine Gaslieferungen sehr bald weiter reduzieren dürfte. Der Kreml werde dafür nicht bis Winter warten, so der EU-Außenbeauftragte. Der Kreml indes dementiert trotz immer größerer Reduktionen eine solche Absicht.
Kiew, Moskau, Brüssel – Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hält eine rasche, weitere Reduzierung der russischen Gaslieferungen nach Europa für wahrscheinlich. "Wenn Russland uns das Gas abdrehen will, wird es nicht bis Herbst oder Winter warten, um das zu tun", sagte Borrell am Donnerstag dem spanischen Sender TVE. Moskau wolle der EU nicht erlauben ihre "Speicherstände im Sommer aufzufüllen", sondern "so schnell wie möglich" einen Lieferstopp verhängen.
Dennoch erwarte er keinen "brutalen" Ausfall der Gaslieferungen von heute auf morgen, sagte Borrell. Russland wolle sein Gas verkaufen und suche noch nach "alternativen Kunden". Moskau baue zwar entsprechende neue Pipelines, aber die Inbetriebnahme der Pipelines werde "Zeit in Anspruch nehmen".
Russland hatte zuletzt die Gaslieferungen nach Europa bereits stark reduziert. Am Mittwoch drosselte der russische Energiekonzern Gazprom die ohnehin schon stark verringerten Lieferungen über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 nochmals halbiert. Damit wird die Kapazität der Pipeline nur noch zu 20 Prozent genutzt. Die EU-Staaten wollen nun ihren Gasverbrauch reduzieren und den Brennstoff verstärkt aus anderen Ländern beziehen.
Russland betont weiter Wichtigkeit der Gasturbine
Russland stellt die Situation indes anders dar. Der Kreml hofft nach eigenen Angaben angesichts der gedrosselten Gaslieferungen durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland auf eine rasche Rückkehr der reparierten Gasturbine. Die in Kanada gewartete Turbine solle dann in die Gasverdichterstation Portowaja eingebaut werden, danach könnten die Arbeiten für die Wiederinbetriebnahme laufen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag.
Die Turbine ist nach Angaben des russischen Energiekonzerns Gazprom wichtig, um den nötigen Druck zum Durchpumpen des Gases aufzubauen. Dem wird von westlichen Experten entschieden widersprochen. Gazprom hatte seinem Vertragspartner Siemens Energy wiederholt vorgeworfen, nicht die nötigen Dokumente und Informationen zur Reparatur der Maschine übermittelt zu haben. Siemens Energy wies die Vorwürfe von Gazprom am Mittwochabend erneut zurück.
Deutschland: Russland spielt Machtspiele
Die deutsche Regierung hingegen wirft Russland Machtspiele vor. Es würden "keine technischen Ursachen" gesehen, hieß es in Berlin. Eine gewartete Turbine sei bereit, an den russischen Energiekonzern Gazprom übergeben zu werden, damit sie eingesetzt werden könne.
Die Rohstoffgroßmacht Russland steht seit langem in der Kritik, Gas als geopolitische Waffe für die Durchsetzung eigener Interessen anzuwenden. Russland weist dies kategorisch zurück. Der Kreml beklagte, dass die Sanktionen der EU gegen Russland im Zuge des Ukraine-Krieges einen ordnungsgemäßen Ablauf der Wartung behinderten. Deshalb komme es zu den Problemen. (TT.com, APA, dpa)