„El buen patrón“: Der Chef und seine liebe Angestellten-Familie
Die Satire „El buen patrón“ von Fernando León de Aranoa porträtiert köstlich den Inhaber einer spanischen Waagenfabrik.
Von Marian Wilhelm
Innsbruck – Julio Blanco liebt das Gleichgewicht. Der Chef der Waagen-Fabrik Básculas Blanco ist „El buen patrón“. Seine Angestellten seien seine Familie, da er doch selbst keine Kinder habe. Er greift zum Hörer und holt den Sohn eines alten Angestellten von der Polizeistation ab. Und wenn der Produktionsleiter Miralles wieder einmal Aufträge ordentlich versemmelt, bittet er ihn zum Mittagessen, um die privaten Probleme zu besprechen, die dahinterstecken. Immerhin seien ihre Väter schon zusammen zur Jagd gegangen. Miralles habe ihn doch schon damals vor Ärger gerettet. Also hilft ihm der Chef nun in der Ehekrise.
Dass hinter diesem väterlichen Image mehr steckt, verbirgt Darsteller Javier Bardem lange Zeit sehr gekonnt. Die ein oder andere Bemerkung über die Produktivität und den Ruf der Firma nimmt man dem netten, grau melierten Spanier gerne ab. Immerhin scheint bei ihm noch zu gelten, was auch hierzulande einmal eine großspurige Behauptung war: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.“
📽️ Trailer | „El buen patrón“:
Doch so harmonisch ist der Alltag in der Waagen-Fabrik dann doch nicht. Demonstriert doch ein gekündigter Arbeiter vor dem Tor, aus dem die Arbeitenden herausströmen wie im allerersten Lumière-Clip der Filmgeschichte. Das macht sich gar nicht gut beim anstehenden Besuch einer Jury, die Blanco einen weiteren Preis als bestem Arbeitgeber verleihen soll. Und dann ist da auch noch die groß gewachsene Praktikantin Liliana, die seine Tochter sein könnte und der der verheiratete Mann nachstellt.
Regie-Veteran Fernando León de Aranoa begann seine Karriere als Drehbuchautor und legt auch seiner neuesten Komödie ein selbst geschriebenes, fein gearbeitetes Script zugrunde, das keinem vorhersehbaren Rezept folgt. Strukturiert anhand der Wochentage des Fabrikslebens, gerät das Macht-Gleichgewicht des Waagen-Patriarchen zusehends aus dem Lot. Sein Führungsstil, der auf Loyalität und gönnerhaften Gefälligkeiten fußt, wirkt zunächst wie ein warm-nostalgischer Ausflug in die vergangene Ära der allzu oft verklärten Industrie-Kapitäne. Doch der Sozialstaat-Kapitalismus eines Henry Ford, mit mehr Lohn für weniger Arbeitszeit, verträgt sich nicht mehr mit der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts. Die Kalkulationen sind auch bei Básculas Blanco eng, und der Chef verlangt Einsatz.
„El buen patrón“ ist eine ebenso originelle wie raffiniert gestrickte Satire auf das Arbeitsleben. Sie schleicht sich auf leisen Sohlen an und beißt dann umso giftiger zu. Der Humor ist herrlich trocken und Bardem wieder einmal ordentlich wandlungsfähig und sympathisch hinterfotzig.
Nach seiner Premiere beim Filmfestival San Sébastian erhielt der Film nicht nur 6 Goya-Preise, sondern auch viel Zuspruch vom spanischen Publikum. Das jedenfalls hat sich dieser Patrón auch völlig verdient!
🎬 „El buen patrón – Der perfekte Chef“ ist ab dieser Woche im Kino zu sehen.