Wien

„TANZ“ im Wiener Volkstheater: Antiballett mit Feenflug und Hexenbesen

Anarchistisch wie faszinierend stellt Florentina Holzinger Fragen zu Frauenkörper, Tanz und Gesellschaft.
© Eva Würdinger

Florentina Holzinger rockt mit dem Kultstück „TANZ“ im Rahmen von ImPulsTanz das Wiener Volkstheater.

Von Bernadette Lietzow

Wien – Schaudern und Schock, Schönheit, Blut, radikale Verausgabung und nackte Haut kennzeichnen die vielfach ausgezeichneten Arbeiten der 1986 geborenen österreichischen Regisseurin, Choreographin und Performerin Florentina Holzinger. Elemente und Ingredienzien, die auch das 2019 uraufgeführte und nun bei ImPulsTanz gezeigte Stück „TANZ. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ prägen.

Glaubt man sich anfänglich aufgehoben als Zaungast einer mit leiser Ironie und einem Hauch frivoler Tücke angereicherten „klassischen“ Ballettstunde, so ändert sich die vermeintliche Vertrautheit des (eigenen) Blicks innert Minuten. Ist doch die strenge Meisterin in Gestalt der faszinierenden Beatrice Cordua, ehemalige gefeierte Ballerina u. a. in John Neumeiers Compagnie und über achtzig, nackt und animiert auch ihre Schülerinnen, die Kleidung abzulegen. Sie und ihre neun Mitstreiterinnen werden in der zweistündigen Performance ebenso provokant wie parodistisch eine Gratwanderung zwischen Porno und Märchen, zwischen Ballett und verwegenen Stunts präsentieren, die – mehrmals auch im Wortsinn – unter die Haut geht.

Ausgehend vom Tanzstück „La Sylphide“ aus 1832, das stilprägend war für romantische Ballette wie „Giselle“ und das den Spitzentanz für das Genre etablierte, untersucht Holzinger in „TANZ“ die Funktion, Festschreibung und Zurichtung des weiblichen Körpers weit über die Kunstform Ballett hinaus.

Schweben und Schwerelosigkeit erreichen Holzingers sylphidische Feenwesen nicht mittels klassischer Schritt- und Sprungfolgen, sondern im Erklimmen von herabhängenden Motorrädern oder anderer Luftübungen, zu denen als veritables Schockdetail auch das mit Videokamera live verfolgte Anbringen zweier Metallhaken an den Schulterblättern einer Tänzerin und das folgende Hochziehen daran gehören.

Wagnerhafte Klänge, weißer Nebel, Waldanmutung und ein Wolf, der Beatrice Cordua beim Gebären eines seltsamen Tierchens beisteht, führen zurück zum märchenhaften Ausgangsstück, in dem die Hexe Madge eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Die mit Besen bewehrte Hexe hat in „TANZ“ die Rolle einer bizarren Moderatorin. Zwischenzeitlich betritt die Choreografin selbst die Bühne und animiert das Publikum als komische Mentalmagierin, die einer Zuseherin trickreich 100 Euro abluchst.

Großer Applaus beendet diese bilderstarke Performance, die jedoch ob der Opulenz aus Splatter und Grazie das Auge und die Sinne zunehmend ermüdete.

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