Interview

Musiker Ariel Oehl im TT-Interview: „Das Männerbild ist sehr fragil“

Seit 2016 gibt es das Bandprojekt Oehl. Frontman Ariel Oehl ist künftig solo unterwegs. Ein Gespräch über neue Musik und Männlichkeit heute.

Nach dem Ausstieg von Musikerkollege Hjörtur Hjörleifsson führen Sie Oehl als Soloprojekt weiter. Läuft’s?

Ariel Oehl: Interessanterweise war ich schon vorher jene Person, die die Songs schreibt und später auch darüber spricht. So viel hat sich also nicht geändert. Das Einzige: Wenn mir nichts mehr einfällt, dann sagt halt sonst niemand mehr was. Natürlich fehlt der Dialog.

Oehl wurde in Salzburg gegründet: Der Wiener Pop-Poet Ariel „Ari“ Oehl bringt am 26. August seine neue LP „Keine Blumen“ heraus.
© Cavadini

Gab es nie Zweifel daran, Oehl fortzuführen?

Oehl: Nein. In der Pandemie habe ich begonnen, Songs selbst zu produzieren. Das haben wir als Duo vorher gemeinsam gemacht. Die Zusammenarbeit wurde für Hjörtur also weniger kreativ. Er hat dem Projekt aber geholfen, flügge zu werden. Wir haben uns offen gehalten, ob er live dabei noch sein wird. Unsere Freundschaft hält das aus.

Die Frage deshalb, weil der neue Track „Bis einer weint“ ein Abgesang ist auf den erfolgreichen Entrepreneur, der alles allein schafft.

Oehl: Ja, es geht um die Macht des Einzelnen, ein zentrales Männertopos, bei dem man ignoriert, dass eigentlich meistens nur viele Menschen gemeinsam etwas erreichen. Noch mehr ging es mir aber um Rollenbilder, die dieses Revierverhalten begünstigen. In unserer scheinbar aufgeklärten Welt wünschen sich dennoch die meisten Männer, stärker zu sein. Über psychische Krankheiten zu sprechen hat da keinen Platz. Besonders aufgefallen ist mir das beim Schreiben mit Musikerin Sophie Lindinger, die ganz offen über depressive Phasen oder Defekte textet. Weil Emotionen letztlich gerade irgendwie in sind, wird das bei Männern auch verstärkt thematisiert. Also warum nicht in einem Album darüber singen? Auch um den Ausstieg von Hjörtur zu verarbeiten. Ich wollte eigentlich nie allein eine Band haben. In den Songs entdecke ich jetzt Schwäche als Superpower – auch bei Männern.

📽️​ Video | Oehl – Bis einer weint:

Hat die öffentliche Debatte es verpasst, über Männerbilder zu sprechen?

Oehl: Es wird schon darüber gesprochen. Weniger aber darüber, dass psychische Krankheiten bei Männern stigmatisiert sind. Siehe die Feindbilder: der bipolare Mann oder der Narzisst – überhaupt ein Unwort der letzten Jahre. Aber auch das sind psychische Krankheiten, diesen Menschen muss geholfen werden. Aktuell wird viel über selbstbestimmte Frauenkörper gesprochen, was etwas vergessen wird: Körperlichkeit heißt für Männer nicht nur: Wer ist der starke Mann? Es kann auch heißen, ich fühle mich unwohl.

Männlichkeit wird heute eher über Typen wie Putin oder aufgepumpte Muskelprotze definiert.

Oehl: Figuren wie Putin wirken ja wie sterreotype Alphawölfe. Männer, die sich nichts sagen lassen. Super unsympathisch, aber genau das sind die Ideale in Youtube-Werbungen. Da heißt es dann: „So kannst du es schaffen, der zu sein, der du eigentlich sein willst.“ Wo Jungs erklärt wird, wie sie wieder die Hosen anhaben können, steckt eben einiges an Kapital drinnen. Auf der anderen Seite stehen Vorwürfe gegen weiße Cis-Männer, die sich in ihrer Sexualität wohlfühlen. In dieser Diskussion kommt ja Richtiges auf, weil man beginnt, über Privilegien nachzudenken: Viele, die sich in ihrer Sexualität wohlfühlen, können sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man sich damit nicht wohlfühlt. Es gibt aber die Gefahr des Generalverdachts. Ich will damit sagen, das Männerbild ist sehr vielschichtig, sehr fragil momentan.

Und reicht bis zur toxischen Männlichkeit.

Oehl: Toxisch wird als Begriff gerade häufig verwendet. In Beziehungen etwa. Dabei muss man sich schon überlegen, ob man Menschen als „giftig“, sozusagen als Müll bezeichnen will. Natürlich ist es wichtig, über einen toxischen Männlichkeitsbegriff in der Gesellschaft zu sprechen, weil der nicht nur Frauen betrifft. Toxische Männlichkeit hat Einfluss auf Männer unter sich. Von Mutproben bis zum Survival-of-the-fittest-Thema. Besonders in Milieus, die weniger Zugang zu Bildung haben, ist toxische Männlichkeit ein Riesenproblem. Jungs werden in Stärketests reingezogen, wo fragile Persönlichkeiten zugrunde gehen.

Wie kann man entgegenwirken? Welche Erfahrungen machen Sie als Vater?

Oehl: Im Kindergarten wird als Erstes entschieden, „Iron Man“ ist cool, rosa ist uncool. Mein Sohn findet Kleider schön und wenn er sie möchte, kaufe ich sie ihm. Im Kindergarten ziehe ich sie ihm nicht an, genau wegen diesem Frustrationserlebnis: Er wird ausgelacht. Das ist auch dem Kapitalismus geschuldet. Angeben ist bei den Kleinsten schon irrsinnig wichtig. Entgegensteuern heißt hier auch nicht negieren, dass es diese Rollenbilder gibt. Ich will nicht, dass mein Kind den Kampf der Gesellschaft im Kindergarten austragen muss.

Zur Person

Ariel Oehl: geb. 1988, macht seit 2016 im Bandprojekt Oehl Musik – zunächst an der Seite von Multiinstrumentalist Hjörtur Hjörleifsson, inzwischen solo. 2020 erschien das Erfolgsdebüt „Über Nacht“, am 26. August kommt das neue Album „Keine Blumen“. Am 14. Oktober ist Oehl live im Innsbrucker Treibhaus zu Gast.

Braucht es neue Vorbilder?

Oehl: Rolemodels schaffen, das ist eine Frage des Geldes. Ja, man kann neue Vorbilder schaffen, aber kommen die auch in den Mainstream?

Harry Styles scheint im Mainstream angekommen.

Oehl: Als heterosexueller, weißer Mann bekommt er aber auch den Vorwurf, Queerbaiting zu betreiben. Ich finde ihn gut, weil ich mag, dass man bei solchen Megastars wie Billie Eilish nicht das Gefühl hat, die sind nicht nur gemacht, sondern haben auch Persönlichkeit.

Oehl ist dafür bekannt, mitunter schwierige Themen in leichte Melodien zu packen. Geht es so weiter?

Oehl: Es bleibt spielerisch. Dennoch interessieren mich Tod, Trauer, Depression als Themen. Text und Musik funktionieren über zwei Ebenen. Wenn jemand genau hinhört, dann zahlt es sich hoffentlich aus. Man kann die Musik aber auch nebenbei hören. Wenn ich Musik machen will, die man sich unter ganz bestimmten Bedingungen, ganz konzentriert anhören muss, mache ich nicht Popmusik.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner

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