Tirol

Land beschließt Abschussbescheid für Wolfspärchen in Lavant

Die Wölfe lassen die Emotionen hochgehen. Wöchentlich werden Dutzende Risse von Weidetieren, hauptsächlich Schafe, gemeldet.
© Michelle Rottensteiner

Das Fachkuratorium für die großen Beutegreifer hat jetzt neuerlich getagt. Es geht um ein Wolfspärchen im Osttiroler Lavant, das zuletzt Dutzende Schafe und einen Ochsen gerissen hat.

Innsbruck ‒ Die Tiroler Landesregierung beschließt heute eine Gefährdungsverordnung nach den jüngsten Rissen im Osttiroler Lavant. Das Kuratorium für große Beutegreifer hat am Mittwoch die Entnahme eines Wolfspärchen empfohlen.

Dutzende Risse von Schafen und sogar von einem Ochsen sind in der Osttiroler Gemeinde zu beklagen. Das Land wird nun einen zweiten Abschussbescheid auf den Weg bringen.

108 MATK und 121 FATK

Konkret handelt sich dabei einerseits um einen männlichen Wolf (108 MATK), der bereits im vergangenen Jahr mehrfach in Tirol bei einem Rotwild-Riss in Neustift im Stubaital sowie bei Nutztier-Rissen in Trins, Hopfgarten in Defereggen, Außervillgraten und Assling sowie in Kärnten nachgewiesen wurde. Zuletzt nachgewiesen wurde das Tier am 14. Juli unweit der Lavanter Alm in Kärnten. Beim zweiten Wolf handelt es sich um ein weibliches Tier (121 FATK), das zuletzt am 6. Juli bei einem gerissenen Schaf im Kärntner Drautal nachgewiesen wurde.

Das Fachkuratorium verweist auf eine potentielle Bedrohung durch die beiden Wölfe für weitere Nutztiere. Diese sei erheblicher als nur von einem Wolf anzusehen, ebenso die Wahrscheinlichkeit, dass weitere gealpte Rinder attackiert werden. So werde vonseiten des Kuratoriums auch auf den Riss des Rindes verwiesen, da die Tötung eines Tiers dieser Größe im Vergleich zur Gefährdungs- und Schadensentwicklung bei Schafen und Ziegen einer weiteren, neuen und schwerwiegenden Eingriffstiefe entspricht, heißt es in einer Aussendung.

Weitere Risse gemeldet:

  • Anras: Auf einer Alm wurden am 31. Juli sieben tote und vier verletzte Schafe amtstierärztlich begutachtet. Am Dienstag wurden auf derselben Alm weitere neun verletzte Schafe amtstierärztlich begutachtet. Es besteht ein konkreter Wolfsverdacht. Insgesamt wurden auf dieser Alm bereits zahlreiche tote und abgängige Schafe gemeldet.
  • Außervillgraten: Vier tote und zwei leicht verletzte Schafe wurden der Behörde am 31. Juli gemeldet, die jedoch aufgrund der Nutzung durch Gänsegeier bzw. der Scheuheit der verletzten Schafe nicht begutachtet werden konnten. Bei der Rissbegutachtung am Dienstag auf einer Alm in Außervillgraten konnte keine Raubtier-DNA nachgewiesen werden.
  • Obertilliach: Bei Proben, die im Zuge der Begutachtung eines toten Schafes am 21. Juli entnommen wurden, konnte auch das entsprechende Wolfsindividuum der italienischen Population nachgewiesen werden. Dabei handelt es sich um dasselbe männliche Individuum, das bereits bei einem Reh am 27. Mai in Kartitsch sowie bei gerissenen Schafen am 6. Juni im Gemeindegebiet von Anras und am 14. Juli im Gemeindegebiet von Obertilliach nachgewiesen wurde.
  • Ehrwald: Entsprechend den Ergebnissen der genetischen Untersuchungen von Proben, die im Zuge der amtlichen Rissbegutachtung eines toten Schafes am 26. Juli entnommen wurden, konnte ein Wolf der italienischen Population nachgewiesen werden.
  • Kaunertal: Bei Proben, die im Zuge der amtlichen Rissbegutachtung mehrerer toter und verletzter Schafe am 17. Juli entnommen wurden, konnte ein Wolf der italienischen Population nachgewiesen werden.
  • Wattenberg: Aktuelle Untersuchungsergebnisse bestätigen auch, dass bei den Rissen im Gemeindegebiet von Wattenberg vom 22. Juli der Wolf 158 MATK Verursacher ist.

WWF beeinsprucht Abschussbescheid

Den Abschussbescheid aus der Vorwoche wird die Naturschutzorganisation WWF erwartungsgemäß beeinspruchen. Das erklärte Christian Pichler am Dienstag gegenüber der TT. Der Wolf soll im Viggar- und im Wattental 41 Schafe gerissen haben. Bis 31. Oktober kann er in 39 Jagdgebieten zwischen Navis, Ellbögen und Tux gejagt werden. Pichler kritisiert die pauschalen Bewertungen und Gebietsabgrenzungen im Bescheid und macht fehlende Alternativen zur Entnahme wie Herdenschutzmaßnahmen geltend.

Grundsätzlich bemängelt er das Wolfsmanagement in Tirol. Dass das Land im Falle einer Beschwerde angekündigt hat, eine Vorabentscheidung des Europäischen Gerichtshofes zu beantragen, unterstützt der WWF. Damit sollen alle rechtlichen Fragen rund um die Entnahme von Wölfen in alpinen Regionen mit aufrechter Almbewirtschaftung geklärt werden.

📽️​ Video | Fachkuratorium für weitere Wolfsabschüsse:

Die großen Beutegreifer haben sich in der politischen Diskussion festgesetzt. Und zwar auf mehreren Ebenen. Dass die ÖVP zur Beschleunigung von Entnahmen möglicher Problemtiere auch das im Vorjahr eingesetzte Fachkuratorium für Bär, Luchs und Wolf abschaffen möchte, das bisher die grundlegenden Empfehlungen abgibt, sorgt bei den Experten für Verärgerung. Vor allem, weil es indirekt für Verzögerungen bei den Abschussbescheiden verantwortlich gemacht wird. Am Montag haben auch die Lavanter Bauern in Osttirol Kritik geübt.

Agrarreferent und Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler (VP) bescheinigt dem Kuratorium allerdings eine fachlich ausgezeichnete Arbeit. „Sie entscheiden auf Basis aller rechtlichen und fachlichen Kriterien. Man kann ihnen keinen Vorwurf machen.“ Natürlich wünschen sich die betroffenen Bauern, dass alles noch schneller gehen kann. „Aber derzeit versuchen alle Beteiligten, ihr Bestes zu geben.“

Für Geisler konterkariert die Umweltorganisation die von der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU für Problemwölfe ausdrücklich vorgesehene Entnahmemöglichkeit. „Das Problemtier hat sein natürliches Verhalten verlassen und ist verantwortlich für unerträgliches Tierleid und massive Schäden in der Landwirtschaft.“

Geisler verweist außerdem auf die benachbarte Schweiz, wo erst kürzlich die NGOs einen Schritt in Richtung Hausverstand gemacht hätten und sich gemeinsam mit den zuständigen Behörden für den Abschuss von Problemtieren ausgesprochen haben. „Sind dort die Voraussetzungen erfüllt, so kann ein gutachterlich festgestelltes Problemtier sofort geschossen werden.“ (TT.com, pn)

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