Gesundheit

Demenz: „Wer das Gefühl hat, jemand ist desorientiert, sollte handeln“

Das Wachzimmer am Innsbrucker Bahnhof darf sich „demenzfreundliche Dienststelle“ nennen.
© LPD Tirol

Demente Menschen sind hilflos. Das haben zwei Unfälle, die zum Tod geführt haben, gezeigt. Eine Kampagne soll jedermann sensibilisieren.

Von Alexandra Plank

Innsbruck – Die Menschen hetzen durch ein Innsbrucker Einkaufszentrum. Mittendrin fällt eine ältere Dame auf, die verloren wirkt. Mit dieser Situation war eine Kollegin von Petra Knoflach vom Demenz-Servicezentrum der Caritas konfrontiert. Die Expertin beobachtete, ob jemand die Frau wahrnimmt, da das nicht der Fall war, sprach sie diese an: „Es ist eine Mischung aus vielem, warum sich Menschen nicht um Desorientierte kümmern, oft ist es Hilflosigkeit, manchmal Bequemlichkeit oder die Meinung, das wird schon wer anderer machen.“ Gerade an heißen Sommertagen, an denen auch ältere Menschen, die nicht kognitiv stark eingeschränkt sind, oft auf das Trinken vergessen, sei rasches Handeln geboten: „Man spricht die Person an, schaut, ob man helfen kann, und wendet sich sonst an die Polizei oder ruft die Rettung.“ Seit 2016 bietet die Sicherheitsakademie (SIAK) des Innenministeriums mit der Donau-Universität Krems das Online-Training „Einsatz Demenz“ für Polizisten an. Um das Gütesiegel „Demenzfreundliche Dienststelle“ zu erlangen, müssen 70 % der Mitarbeiter das Tool absolviert haben. Zusätzlich ist die Nennung einer Ansprechperson nötig, die Dienststelle muss mit sozialen Einrichtungen vernetzt sein.

„Auch die Tirol Kliniken setzen speziell ausgebildete Pfleger auf den Stationen ein, um demente Menschen zu unterstützen“, so Knoflach. Im Herbst erscheint ein Buch mit dem Titel „Das Leben meistern“, das Arbeitsbuch und Ratgeber zugleich sein soll. Bei einer Podiumsdiskussion ergreift auch ein Betroffener das Wort. Das Programm wird von der „Plattform für eine demenzfreundliche Stadt“ gestaltet. Geplant ist, Geschäfte mittels des Symbols eines Knotens im Taschentuch als Anlaufstelle zu kennzeichnen. Knoflach macht klar, dass ein qualitätvolles Leben lange möglich ist: „Zu uns kommt ein Betroffener, der seit 20 Jahren mit Demenz lebt.“

Josef Marksteiner, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie A, Landeskrankenhaus Hall, sagt, dass Verwirrung auch andere Ursachen haben kann. Hilfe sei jedenfalls nötig. Demenz umfasse 120 Krankheiten, 50 % der Patienten leiden an Alzheimer: „Es wird intensiv geforscht, es gibt bisher aber keine medikamentöse Behandlung, die das stoppen kann.“ Zentral sei die Prävention, die ab 30 Jahren erfolgen soll. Hier gelte es etwa auf Bluthochdruck zu achten, auch das Gehör sei wichtig. Einsamkeit gilt als Turbo für Demenz: „Erkrankte und ihre Familien müssen sich früh Hilfe suchen, damit der Betroffene mitentscheiden kann.“

Desorientierung sei ein Notfall: „Man muss dem Betroffenen das Gefühl von Sicherheit geben und ihn in Sicherheit bringen“, so der Professor.

Zahlen & Hilfe

Betroffene Österreichweit gibt es etwa 130.000 an Demenz Erkrankte, in Tirol 12.000. Am 29.9. ist Weltalzheimertag mit vielen Veranstaltungen der „Plattform für eine demenzfreundliche Stadt“.

Kontakt Infos zu Hilfsangeboten unter www.demenz-tirol.at. Bei der Caritas können sich Betroffene austauschen.

Zuschuss zu 24-Stunden-Betreuung

Die Liste Fritz fordert in einem Antrag die Landesregierung auf, eine Förderung zugunsten von Familien in Tirol einzuführen, die eine 24-Stunden-Betreuerin beschäftigen. Als Vorlage soll das bereits praktizierte Vorarlberger Modell dienen. „Eine 24-Stunden-Betreuung muss man sich leisten können. Pflegeheimbetten sind oft nicht mehr verfügbar und auch nicht die einzige Option“, erklärt Andrea Haselwanter-Schneider. Rund 80 % der Pflegebedürftigen werden in Tirol zuhause betreut. „Für die pflegenden Familien verschlimmert sich aktuell die Situation durch Teuerung und Inflation. Es ist extrem schwierig, Geld für eine 24-Stunden-Betreuung aufzubringen“, so die Spitzenkandidatin der Liste Fritz weiter. Die teuerste Form der Betreuung finde im Pflegeheim statt. Die Tiroler, die auf 24-Stunden-Betreuung angewiesen sind, sollten daher einen kleinen monatlichen Zuschuss bekommen.

Das Land Vorarlberg schieße bei zwei sich abwechselnden Betreuerinnen maximal 600 Euro pro Monat zu. (pla)

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