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"Káťa Kabanová" als großes Seelendrama in Salzburg

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David Butt Philip und Corinne Winters in "Káťa Kabanová"
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Die Felsenreitschule ist eine große, steinerne Halle. Sie zu füllen, gehört zu den wichtigsten - und schwierigsten - Aufgaben der Regie bei den Salzburger Festspielen. Barrie Kosky verwandelte sie am Sonntagabend in einen gewaltigen, herzzerreißenden Seelenraum - fast gänzlich ohne Ausstattung. "Káťa Kabanová" von Leoš Janáček wurde als feines Opernhandwerk bejubelt - und mit Titelsängerin Corinne Winters ist in diesem Sommer wohl auch ein neuer Festspielstern aufgegangen.

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Die Bühne scheint gefüllt von Menschenmassen. Sie kehren uns den Rücken zu, schauen weg, haben sich abgewendet von den Figuren in Janáčeks dichtem Beziehungsgeflecht, von der unglücklichen Káťa in ihrer Ausweglosigkeit. Sie schauen nicht hin und sie nehmen nicht wahr - aber sie sind da. Stumm und gesichtslos werden sie zu Mittätern ihres Untergangs. Mal stehen sie am hinteren Bühnenrand, mal bilden sie einen Rahmen, mal Reihen, durch die hindurchgelaufen wird. Viele von ihnen, das wird nach und nach deutlich, sind eigentlich Puppen. Sie sind die einzige Requisite, neben einer höhenverstellbaren Lichtpaneele. Alle anderen Bilder erzeugt der Regisseur durch minutiöse Personenführung - und durch ein ganz genaues Hinhören auf die Musik.

Denn Jakub Hrůša liefert am Pult der Wiener Philharmoniker bereits alles, was Kosky für die Bühne braucht: Indem er und seine Sängerdarsteller jeden Takt Janáček auch körperlich, gestisch, mimisch umsetzen, findet der hohe und höchst ausdifferenzierte Affekt dieser Musik auf gänzlich unaffektierte Weise sein Ventil in der Szene. Das sieht hier ganz einfach aus. Mit der US-Amerikanerin Corinne Winters löst sich eine kleine, zarte Person aus der Menschengruppe - und wird schon nach wenigen Minuten die ganze Felswand zu ihrem inneren Territorium erklärt haben. In der zarten Person wohnt eine strahlkräftige, nobel intonierte, nuancenreich schimmernde Sopranstimme und eine einnehmende, eigenwillige persönliche Präsenz.

Kata beschreibt Janáček mit fein geschichteten Klängen, unabhängig und labil zugleich, allein gelassen mit Psychose und Todessehnsucht, zugleich so kostbar in ihrer Fähigkeit zu lieben und zu leben. Mit ihrem zerrissenen, trunksüchtigen Ehemann Tichon (Jaroslav Brezina), seiner despotischen Mutter (Evelyn Herlitzius) und der jugendlich-übermütigen Pflegeschwester (Jarmila Balazova) lebt Káťa in einer grauenhaften familiären Falle. Kammerspielartig umkreisen sich die Figuren - weil es aber keine Wände, sondern nur abgewandte Menschen gibt, wird aus dem Kammer- ein Gesellschaftsspiel. Auch Boris (David Butt Philip), der schwärmerische Liebhaber, ist keine Lösung. Bei ihrer letzten Begegnung klammert sich Káťa in der Umarmung an seinen blauen Mantel, wir sehen sie nicht, nur ihre Hände auf seinem Rücken, wie sie tasten und langsam loslassen. Es ist mehr als nur Vorbote und Sinnbild ihres baldigen Ertrinkens im Fluss - und ein starkes, tieftrauriges Bild.

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Einhelligen Jubel setzte es nach einem ohne Pause gespielten, kurzweiligen Opernabend für das gesamte Ensemble und Leading Team. Klarer Publikumsliebling und Frau der Stunde war freilich Corinne Winters, die vor einem insgesamt guten, aber nicht außergewöhnlichen Sängerreigen einen tiefen Eindruck hinterlassen konnte. Neben den fünf noch anstehenden Aufführungsterminen in der Felsenreitschule wird "Káťa Kabanová" auch an zwei Terminen in ORF und 3sat ausgestrahlt.


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