ImpulsTanz 2022

„The Köln Concert“: Verneigung in wogender Gemeinschaft

Feinsinniges Ende beim ImpulsTanz 2022: Trajal Harrells tänzerische Annäherung an „The Köln Concert“.

Von Bernadette Lietzow

Wien – „Wenn ich in Keith Jarrett ,meinen‘ Komponisten gefunden habe, habe ich in Joni Mitchell ,meine‘ Sängerin gefunden.“ Trajal Harrell, international gefeierter Choreograf, der seit 2019 das Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble leitet, vereint in seiner am Freitag im Volkstheater als österreichische Erstaufführung gezeigten Performance „The Köln Concert“ die Liebe zu den beiden musikalischen Genies mit der subtilen Kraft seiner Auffassung von Tanz.

Harrell selbst, in schwarzer Hose, weißem Hemd, ein zartes Kleid um den Hals, steht zu Beginn am Bühnenrand, geduldig wartend, bis auch die letzten BesucherInnen ihre Plätze eingenommen haben. Als Mitchells Song „My Old Man“ anhebt, beginnt sich der Künstler fließend, ausladend und scheinbar intuitiv zu bewegen. Er setzt damit gleichsam das Schwungrad in Gang, das die ganzen, intensiven wie fesselnden fünfzig Minuten nicht zum Stillstand kommt.

Langsam gesellen sich zwei Tänzerinnen und vier Tänzer dazu, von Harrell in ausgesuchte Kleider gehüllt, vom bunten weiten Rock bis zum Vintage-Pelzmantel, und wenn die Musik nach Mitchells „Both Sides“ sanft hinübergeleitet zu Keith Jarretts 1975 entstandenem solopianistischem Meisterstück „The Köln Concert“ (Part 1), wird die Intention, mit Mitteln des Tanzes vom Miteinander in Respekt zu erzählen, auf schönste Art verdeutlicht. Inzwischen trägt das Ensemble elegant-schwarze, wie aus weichen Tüchern geformte Bühnenkostüme, schreitet barfuß auf imaginären High Heels auf einem ebenso imaginären Laufsteg einher und verteilt sich auf den sieben Klavierhockern, die die einzigen Requisiten darstellen.

Nacheinander nehmen die PerformerInnen in Einzelszenen den Fluss von Jarretts Improvisationen auf, schwankend, manchmal geschmeidig, aber auch eckig, stockend oder Posen einnehmend, die an antike Statuen erinnern. Elemente des japanischen, an das Innere adressierten Butoh-Tanzes verwebt Harrell dabei mit dem lebensbejahenden Vogueing, einer Tanzform, die in den 1970-er Jahren in der queeren Subkultur Harlems entstanden ist, zu einem faszinierenden Erlebnis. Begeisterter Applaus!

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