„Kát’a Kabanová“ in Salzburg: Lebenskampf vor Puppenchor
Leoš Janácˇeks „Kát’a Kabanová“ gelingt bei den Salzburger Festspielen als zeitlos dichtes, brutales und musikalisch feingezeichnetes Kammerspiel.
Von Stefan Musil
Salzburg – Abtauchen als Befreiung. „Five Angels for the Millennium“ nennt Künstler Bill Viola fünf seiner großartigen Videoarbeiten, die gerade im Salzburger Museum der Moderne, in einer sehenswerten Personale, gezeigt werden. In Zeitlupe springen dort fünf Menschen in dunkles Wasser. Viola zeigt das Ganze jedoch im Rückwärtslauf. Das Abtauchen wird so zum Auftauchen wie eine Geburt aus dem schäumenden Dunkel. Auch Janácˇeks Kát’a Kabanová wird am Ende ins Wasser gehen.
Gefangen in der Ehe mit dem sie schlagenden, saufenden Tichon, dessen Mutter, die herrisch hinterhältige Kabanicha, nicht nur ihn gebrochen hat, sondern auch Kát’a, mit ihrer verlogenen, bigotten Moral das Leben zur Hölle macht. Die sensible Kát’a flieht fast zwanghaft in eine Affäre mit Boris. Doch der vermeintliche Glücksmoment bringt ihr aus sozialen Zwängen und Erwartungen gespanntes und mit ungesunder Religiosität verzurrtes Weltbild endgültig zum Bersten. Als letzten Befreiungsschlag sieht sie den Freitod, den Sprung in die Wolga.
Regisseur Barrie Kosky schenkt in seiner Inszenierung in der Salzburger Felsenreitschule der Titelfigur alle Sympathien. Gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Rufus Didwiszus stellt er ihr über die ganze Felsenreitschulbreite eine imposante, unheimliche Wand aus ihr abgewandten Menschen(puppen) in den Rücken. Mehr Bühnenbild als diese schweigende, gesichtslose Anklagemauer gegen ihr nicht konformes Verhalten gibt es nicht. Die Puppen engen sie noch klaustrophobischer ein, werden zum erdrückenden Geviert verdichtet, in dem Kát’a während des Gewitters allen ihren Ehebruch gesteht.
📽️ Video | Opernpremiere von „Kata Kabanova" in Salzburg:
Die Sopranistin Corinne Winters gibt mit ihrem leuchtenden, ausdruckstarken Sopran dieser Kát’a eindrücklich gegenwärtige Gestalt. Kosky lässt sie gehetzt, von Angst und Schuld getrieben, von einem Ende zum anderen über die Cinemascope-Bühne rennen, verstört an der Rampe kauern, panisch starren. Man spürt, wie es sie innerlich zerreißt. Am Ende dann öffnet sie in der Bühnenmitte eine Luke, hält kurz inne und lässt sich hinab.
Ihre hinterhältige, bösartige Schwiegermutter Kabanicha fischt nur noch ohne Regung das nasse Sommerkleid aus dem Loch. „Sie ist es nicht wert“, entgegnet sie ihrem Sohn, der um Hilfe ruft.
Evelyn Herlitzius gibt diesem Monster gefährlich brutal orgelnde Stimmkraft und harte Gestalt. Sie spielt sich auch als Domina für den unterwürfigen Dikoj (Jens Larsen), den despotischen Onkel von Boris, auf. Jaroslav Brˇezina ist als ihr Sohn Tichon ein grober, versoffener Schwächling, mit dem man dann doch ein wenig mitfühlt, der sogar versucht, Kát’a in Schutz zu nehmen.
Boris – dem sich Kát’a leidenschaftlich hingibt, als ihr Mann auf Geschäftsreise ist – erweist sich bei David Butt Philip als ein harmloser Blässling, der sie schnell im Regen stehen lässt.
Nur Jarmila Balážová, mit festem, lebensbejahendem Sopran, steht ihr als unbekümmerte Freundin Varvara zur Seite. Sie und ihr Geliebter Kudrjáš, den Benjamin Hulett mit rundem, lyrischem Tenor sympathisch veredelt, leuchten hoffnungsstrahlend in die trübe Gegenwart.
Kosky führt dieses rundum überzeugende, starke Ensemble klar und musikalisch. Er sorgt für ein höchst zweckdienlich konzentriertes, ganz auf die Figuren zugeschnittenes Spiel, ohne Mätzchen, und schafft es so, dem doch vor allem intimen Stück stimmig in der breiten Felsenreitschule Wirkung zu geben.
Das ganze Drama findet diesmal ohnehin vor allem im Orchestergraben statt. Dort fordert Jakub Hru˚ša die prachtvoll und konzentriert spielenden Wiener Philharmoniker zu einem unter die Haut gehenden, subtil ausgeleuchteten Psychogramm von Kát’a in ihren Nöten sowie einem scharf entworfenen Stimmungsbild der Umstände heraus, die dem Abend die größte Wirkung geben.